«Wenn Einbildung Realität ist, ist Realität keine Einbildung. »
Jürgen Fehling

Einbildung

Jeder der Musik hört, besitzt immer schon, wenn nicht ein klares Bild derselben, so doch eine Vorstellung des möglichen Eindruckes, den diese bei einem idealen Hörer hervorrufen kann. So schwierig es aber auch in der Sphäre der Abstraktion sein mag, zwischen idealem und realem Hörer zu vermitteln (müsste dazu nicht erneut jener tritos anthropos beschworen werden, der dritte Mensch, den Aristoteles als einen der platonischen Ideelehre selbst erwachsenen Widersacher des platonischen Idealismus benannte) - im Moment des Hörens selbst schwindet dem realen Hörer aller Zweifel. Und wie auch immer der Begriff der Musik beschaffen sein mag, unter dem dieser sich musikalische Vollkommenheit denken mag, eine musikalische Erfahrung - und sei diese noch so kurz, flüchtig und ungreifbar - hinterlässt im Bewußtsein des Hörers Spuren, die widerum die Art und Weise beeinflussen, dieses Ideal der Musik aufzufassen : immer ist ein Erleben von Musik mit einem Impuls verbunden, der auf ein Erfassen des so erlebten Ganzen zielt

Diesem Impuls zu folgen bedeutet in letzter Konsequenz, ein neues, alle Erfahrung umfassendes und zugleich übersteigendes Werk zu schaffen. Damit ist die Erfindung einer wahrhaftigen, anderen Musik gemeint, innerhalb deren Horizont sich eine bis dahin vollkommen ungeahnte Welt öffnet (E.T.A. Hoffmann sprach vom Geisterreich), - in ihrer Evidenz unergründlich und sich ständig erneuernd, in ihrer Ganzheit einem zeitlosen Raum verbunden, ohne je ihre eigentlichen Ursprünge preiszugeben zu können, da sie aus der Quelle eben jenes Rätsels gespeist wird, welches jedes in seiner Tiefe erlebte Kunstwerk ist.

Seit der Romantik umkreist das Nachdenken über Musik immer wieder diesen Kreuzungspunkt, an dem begrenzte sinnliche Erfahrung und schöpferische Imagination einander berühren oder überlagern. Die Musikgeschichte wird damit zum Spiegelkabinett, in dem jedes Werk nur als Reflex anderer Werke anderer Komponisten erscheint, vergangener wie zukünftiger. Eine solche Galerie ist vergleichbar mit der Lektüre eines Buches: einem weißen Lichtstrahl gleich, wäre dieses unsichtbar ohne seinen ins unendliche gebrochenen Reflex im Bewußtsein der Generationen seiner Leser, der guten, wie der weniger guten, die es vorwegnimmt und vorab erschafft, wobei mit etwas Glück - von der allgegenwärtigen, kaum verrechenbaren Katharsis der Kunstwerke abgesehen - die einzig identifizierbaren Spuren dieses Prozesses, wenn überhaupt, nur von einer ewig zukünftigen Literartur- bzw. Musikwissenschaft explizit aufgezeigt werden könnte. Der Dichter Jean Paul hat sich eine solche spekulative Rezeptionsästhetik in seiner Erzählung Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht (1801) ausgemalt: "Wahrlich bei einer gar zu langen Unsterblichkeit verflüchtigt sich der Autor, und nur der Bodensatz, das Werk, sitzt fest; ich wünschte nicht, ein Konfuze, Homer oder Trismegistus zu sein, ihre breiten Namen sind in ein unartikuliertes Luft-Pfeifen zerfahren ... Hier wurd' ich ungemeint erweicht von einem benachbarten Gedanken: Ich werde also so gut verschwinden wie mein Jahrhundert und muß einen einen letzten Leser haben".

Im Augenblick des Hörens bzw. Lesens aber ist jeder reale Hörer/Leser der letzte und erst dem Nachfolger, dem Nach-Letzten, offenbaren sich die Konsequenzen: So hat sich zum Beispiel im 20. Jahrhundert eine Weise des Erlebens von Haydns Ideenreichtum oder Mahlers Sarkasmus im Werk Shostakovitchs kristallisiert. Ebenso wie Schuberts Walzer in denen von Prokofieff weiterleben, existiert auch Gabriel Faurés Harmonik wesentlich in der Klangvorstellung Messiaens, dessen Werk «Mode de valeurs et d’intensités» erst durch Stockhausens serielle Musik zu voller Entfaltung kam. In Johannes Brahms Klaviersatz subsistiert, abgesehen von den «Einflüssen» Bachs und Beethovens, vor allem der Geist François Couperins. Umgekehrt muß man auch folgern, daß Musik komponierender Zeitgenossen wesentlich von zukünftigen Musikern mitgeschrieben wird, deren Namen niemand bekannt sein dürfte… Wie soll man sonst verstehen, daß schon im ausgehenden 14. Jahrhunderts die Ars Subtilior Aspekte der New Complexity bzw. Brian Ferneyhough oder Brice Pauset ankündigte? Zyklische Bewegungen haben die paradoxe Eigenschaft, uns in die größte Nähe ihres Anfangs zu bringen, je weiter sie uns von diesem entfernen.

Wenn man, in Analogie dazu, Zeuge ist, wie eine gespielte Tonfolge - und sei sie noch so einfach, tonal oder atonal - sich zu Harmonie verwandelt, dann scheint es, als fügten sich die Noten dieser Folge von Tönen (oder alle Stimmen, in einem komplexeren Stück) plötzlich zu einem lebendigen Geflecht, dessen Elemente frei aufeinander reagieren und sich gegenseitig durchdringend bestimmen. Eine solche Folge von Tönen ist in hörendes Bewußtsein selbst verwandelt, welches im Klang eine eigene Struktur annimmt und den Raum klingend ausfüllt: Gegenwart einer gänzlich undefinierbaren Kontinuität. Diese gibt durchaus Aufschluss über sich selbst und das auf die eloquenteste Art und Weise: jede Stimme, jeder noch so kleine Teilaspekt eines so gehörten Werkes wird als Berechtigungsgrund der Existenz aller anderen Teilaspekte erfahren. Im Zentrum eines jeden Tones ist das ganze Werk und die unendliche Offenheit unseres Erlebens einmalig mitklingend erschlossen. In einem solchen Augenblick unterscheiden sich auch Musiker und Publikum oder Dirigent und Orchestermitglieder als Hörende durch nichts, weder untereinander, noch vom Gehörten: es ist, als wären sie nun selber der Spiegel ihres jeweils individuellen Bildes der Musik, das sie schon immer in ihrem Hören geleitet hat und nun in einem Punkt konzentriert, plötzlich aufleuchtet:

…triffst Du nur das Zauberwort.

Musikalische Unmittelbarkeit, unter einem günstigen Stern auf einer Konzertbühne heraufbeschworen, entzieht sich aller Vergegenständlichung, Identifizierung, Verfügbarkeit, dem Wissen und der Zeit. In diesem Sinne ist sie esoterisch. Sogenannte Interpreten werden immer schon vom Leben der Werke, die sie sich in jahrelanger Arbeit anzueignen bestrebt sind, belebt, lange bevor irgend etwas davon zu einer Aufführung gelangen kann. Exoterisch daran ist alleine, daß auch den mächtigsten offiziellen Spiegeln, etwa dem eines Hubble Space Teleskopes, hin und wieder eine Brille zur optischen Korrektur aufgesetzt werden muß, um den Blick in die Anfänge des Kosmos, der zugleich ein Blick auf die zukünftige Entwicklung der Welt ist, zu schärfen.

Michael Frohnmeyer

Nachtstücke