Präsentation, Abendgespräche und Flucht

ach, und das alte Bild
Infanterie Regiment N01
an der Wand
und seine liebenswürdige, einnehmende Persönlichkeit
im Goldrahmen
durch die er auch bei den Damen sehr beliebt war
welche aus einigen kleinen, ovalen Miniaturen ihre geduldigen Vergangenheitsblicke ins Zimmer werfen
letzteren wurde er besonders auch durch seine schöne Tenorstimme anziehend, seinen Gesang begleitete er nach der Sitte der Zeit auf der

GUITARRE

genau wie der Grundschullehrer Kurz, Major der Bundeswehrreserve, den meine Eltern einmal mit Anna Kornas verkuppelt wollten, einer Freundin der Mutter, die in den Jahren 1969 und 1970 bei uns wohnte
1815 ging er dann nach Dresden, wo er die noch nicht 16jährige

LOUISE


kennenlernte
und jetzt er selbst (wie auf einer alten Aufnahme und aus weiter Ferne, mit undeutlicher, graubraun lithographierter Tenorstimme):
den 9ten Januar 1815 machte ich ihre erste Bekanntschaft auf einem Ball im

HOTEL POLOGNE

sie war mit ihren Eltern nur auf acht Tage in die Stadt gekommen, um ihre Schwester, Frau von W***,  zu besuchen. Durch diese wusste ich, dass sie kommen würde und war ganz besonders gespannt auf ihre Erscheinung und als ich dann gegen Abend den grünen

SIMCA

des Lehrers den Berg herauffahren hörte, zunächst im zweiten und auf dem steilen Schlussstück im ersten Gang, die Scheinwerfer waren schon eingeschaltet, spielte Anna, umwölkt von Parfumduft, noch Etuden auf dem Klavier, über dem die Ahnenbilder hingen. Meine Mutter deckte den Tisch, mein Vater hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Aus dem Fenster schauend, sah ich in der Dämmerung die Schattengestalt des Lehrers auf die Haustür zu marschieren. Er klingelte energisch

SONNERIE

und mit Frau von W*** tanzend

AMBIENCE DE FÊTE

wurde ich der Neuangekommenen präsentirt. Sie war 15 Jahre alt und erschien an diesem Tage zum ersten mal in der großen Welt. Wie lieblich und anmutig ihre Erscheinung sein musste, beweist der schnelle, tiefe Eindruck, den sie auf mich machte, und der von diesem Tage an unauslöschlich blieb. Diesem folgend, war ich gleich den ersten Abend ausschließlich mit ihr beschäftigt

MUSIQUE DE TABLE

und wenn ich auch mehrere Male mit ihr tanzte
der Lehrermajor, der eine Gitarre mitgebracht hatte, gibt Anna zur Begrüßung einen Handkuss, zündet sich dann eine Zigarette an und betrachtet die Bilder
und beim

SOUPER

ihr Nachbar war, wobei ich all mein bisschen Liebenswürdigkeit zu entwickeln suchte
mit zigeunerischem Zwinkern stimmt er dann die Gitarre
um ihre Scheu und Schüchternheit etwas aufzuthauen
und während im Backofen die Pizza zu schwitzen beginnt, zündet sich auch Anna eine Zigarette an. Der Major greift in die Saiten

RADIBIMMEL RADIBAMMEL RADIBOMMEL

so diente dies doch nur dazu, den günstigen Eindruck, welchen sie auf mich gemacht hatte, zu rechtfertigen

zum Essen werden dann Kerzen angezündet, der Lehrermajor redet unaufhörlich und verschlingt große Pizzafetzen. Anna sitzt mit flackerndem Gesicht neben meiner Mutter, ihr Pizzadreieck liegt wie ein Dolch auf dem Teller. Nach dem Essen darf ich noch ein Lied des Majors mitanhören, es ist schon wieder dasselbe

RADIBIMMEL RADIBAMMEL RADIBOMMEL

dann werde ich zu Bett geschickt
all dies brachte mich aber nicht weiter, obgleich der Ball bis gegen 6 Uhr morgens dauerte
und durch die Wand hindurch hörte ich das Scharmützel der Stimmen und ahnte, im Dunkeln liegend, dass Kurz und mein Vater nun aufs Feld der Politik geraten waren. Geschirr und Stimmen lärmten miteinander wie in einer Wirtschaft, später spielte Anna noch Klavier. Danach Beifall und erneut Gespräche, bis schließlich eine bestimmte Veränderung der Tonlage der Stimmen und ein vielstimmiges Knarren des Parketts den ersehnten Aufbruch anzeigten.
Wenig später flammte die Hofbeleuchtung auf und ich höre den Simca des Majors anspringen, die Steige hinunter rollen, über die Bühler-Brücke im Tal jagen und auf der Gegenseite wieder bergauf fahren. Auf halber Höhe begegnete er einem Lastwagen, dessen pneumatische Bremsen zornig aufseufzten. Endlich verlor er sich aus meinen Ohren und machte sich durch Nacht und Nebel in Richtung Autobahn davon.

Später ging ich dann noch einmal ins dunkle Wohnzimmer zurück, es roch nach erkaltetem             Zigarettenrauch und Weingeist, die Pizzareste standen trostlos auf dem Tisch, im Klavier             geisterten noch die wildgewordenen Notengespanne der Skrjabin-Sonate, die Anna zuletzt             gespielt hatte.

*

Den folgenden Tag sah ich sie erneut auf einem Tee bei Frau von W****, war aber zu sehr beobachtet, um mehr als gleichgültige Worte mit ihr sprechen zu können, obgleich es mir fast das Herz abdrückte, nicht auf dem gestern angefangenen Weg fortfahren zu können. Ich musste da, wie auch schon den vorigen Abend, etwas singen und nahm mich sehr zusammen, um mein Licht leuchten zu lassen. Ich machte nun auch schon Anspielungen, die den Zustand meines Herzens andeuteten, denn es war keine Zeit zu verlieren, weil ich wusste, dass sie in diesen Tagen wieder abreiste; sie wollte aber das alles nicht verstehen, oder nahm meine Herzensergießungen für gewöhnliche, in der großen Welt übliche Redensarten. Nach Tische wurde eine Schlittenfahrt mit Fackeln unternommen, bei der Frau von W*** uns als Wächterin mitgegeben war. Dennoch wagte ich im Schutz der Dunkelheit sogar einen Händedruck, der aber scheinbar ganz unbeachtet blieb.

Jörg Paulus

Nachtstücke