Jörg Paulus

Paragone im Dunkeln

Nachtwanderung eines Begriffs, eingekleidet in vielerlei Landessprachen des alten Europa. Zuerst in das dunkle vokalische Leuchten des Italienischen: "finta di notte" (so 1550 bei Giorgio Vasari, dem großen Künstler - Biographen der italienischen Renaissance und des Manierismus); ein halbes Jahrhundert später eher rauh und grau als "night piece" in England ( 1605 bei Ben Jonson, dem Meister der "comedy of humours" ): "our scene is London". Noch einmal knapp ein halbes Jahrhundert später endlich auch in etwas zerknittertem Deutsch, im barocken Seelenroman Adriatische Rosemund (1645) des weitgereisten Philipp von Zesen – der sich indes zu dieser Zeit in den Niederlanden aufhält, dem Land, in dem die Leinwände nun serienweise mit Nacht bemalt werden, während die Schiffe der ost- und westindischen Kompanien ein Handelsreich etablieren, in dem die Sonne sowenig untergeht wie vormals im Spanien Philipps II.

Aber nicht nur in den niederländischen Generalstaaten bleiben die nächtlichen Kolonien offiziell bis auf weiters Domänen der Bildenden Kunst. Noch im Ausgang des 18. Jahrhunderts, bei Johann Georg Sulzer, dem Schweizer Kunsttheoretiker an der Berliner Akademie, ist der Begriff uneingeschränkt der “Mahlerey” zugeordnet: Bei "Nachtstücken" handele es sich, so Sulzer in seiner "Allgemeinen Theorie der Schönen Künste" (1771–74), um “Gemälde, deren Scene weder Sonne noch Tageslicht empfängt, sondern nur durch Fakeln oder angezündete Lichter unvollkommen erleuchtet wird.” Als Aufklärer und system- atischer Ästhetiker stets in der Furcht vor Ambivalenzen und Ambiguitäten lebend, hegt Sulzer freilich ein Misstrauen gegenüber dem Genre: "Ich (...) gestehe, dass ich ein allgemeines Vorurteil gegen alle Nachtstücke gehabt", so fährt er fort; erst vor den Bildern der hochberühmten "Gallerie zu Düsseldorf", deren bedeutendste Schätze später in der Alten Pinakothek in München ihre Heimat fanden, habe er zuletzt doch noch Gefallen daran gefunden. Auch wenn es bei Sulzer ausgeblendet wird: Insgeheim haben sich zu dieser Zeit längst auch die anderen Künste des Nächtlichen bemächtigt. Der alte Paragone, der Wettstreit unter den Künsten, hat im Dunkeln sein weitestes Feld.

Doch gerade im Dämmerlicht ergeben sich auch jene produktiven Doppeldeutigkeiten, die den Vertreter einer an der Nachahmung der Natur orientierten Ästhetik erschreckten: Wenn in der Musik des 18. Jahrhunderts Notturni oder Serenaden erklingen, so ist – anders als in der Malerei – das Nächtliche im allgemeinen noch kein inneres Zeichen des Kunstwerks, durch welches mittels etablierter Formeln das Dargestellte als nächtlich bezeichnet wird; es verweist vielmehr auf den Kontext des Kunstwerks, die Aufführungssituation: nicht die Verwandlung der Nacht ins künstlerische Medium wird vorläufig angestrebt, sondern, im Gegenteil, Serenität, Transparenz, Illumination. Doch spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts rücken die Künste näher zusammen. Die entscheidende Vermittlerrolle dabei spielt die Literatur. Schon immer lebten die Romane zu einem wesentlichen Teil von Glanz und Turbulenz nächtlicher Szenen, zum Beispiel in Wirtshäusern (man denke an die unvergleichlichen Passagen in Henry Fielding's Tom Jones oder an die davon inspirierten in Goethes Wilhelm Meister). Die eigentliche Synthese, zumindest der entschiedene Versuch einer friedlichen Beilegung des Paragone, ist dem fränkischen Dichter Johann Paul Friedrich Richter, kurz Jean Paul, zuzuschreiben.

Gleich zu Beginn seines 1795 veröffentlichten Romans Hesperus oder 45 Hunds posttage, des zu seiner Zeit meistgelesenen Romans in Deutschland, werden in einem ausdrücklich "Nachtstück" genannten Abschnitt alle Künste zusammen- gerufen, um das Nächtliche sinnfällig zu machen. Zwei Protagonisten verkörpern dabei zwei Aspekte einer phantasieverstärkten Schlaflosigkeit: Der Hofkaplan Eymann führt einen aussichtslosen Kampf gegen die nächtliche Rattenplage in seinem Haus, seinem Sohn Flamin raubt die Erwartung der bevorstehenden Rückkehr des brüderlichen Freundes Viktor (des eigentlichen Romanhelden) den Schlaf. Der Hofkaplan bleibt wach, nur um zu horchen, "ob nichts Geschwänztes rumore." Gerade aber die Tatsache, dass er nichts hört, macht ihn hellhörig: so amplifiziert die Nacht gerade durch die Absenz der sicht- oder hörbaren Zeichen deren imaginäre Präsenz: "Da gar nichts von den Bestien zu vernehmen war (...), so setzte er sich auf den Fußboden heraus und presste das Spionenohr an diesen. Sein Glück wollte, dass gerade jetzt die Bewegungen des Feindes mit Balletten und Galoppaden in sein Gehör einplumpten." Der Nachtmusik der Natur begegnet Eymann nun seinerseits musikalisch:

"Er (...) waffnet sich mit einer Trommel und weckt seine Frau mit dem Lispeln auf: 'Schatz, schlaf wieder ein und erschrick im Schlafe nicht: ich trommel' ein wenig gegen die Ratten.' Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeinden die Ruhe, die er seinen Blutfreunden nahm." Soweit das humoristische Nachtstück, dem wie immer bei Jean Paul ein gefühlvoll-erhabenes zur Seite gestellt wird: Von Flamin heißt es, dass seine "Brust eine Äols-Höhle voll gedrückter Stürme" sei (sein Körper mithin gleichsam ein Medium der Natur-Musik): "Einen andern (...) würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloss, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten (...) mit sanften Bebungen und Träumen erfüllet haben - den Kaplans-Sohn aber warf es auf den Gaul hinauf und in die Nacht hinaus; seine geistigen Erd-Erschütterungen legten sich nur unter einem körperlichen Galopp", dem Kontrapunkt also zu den "Balletten und Galoppaden" der Nagetiere. Als ein Sohn des 18. Jahrhunderts lässt Jean Paul sein Nachtstück schließlich doch noch mit dem Anbruch des Tages, der die Geister vertreibt und die nächtliche Geistermusik in Malerei verwandelt, ausklingen: ut pictura poiesis:

"Der erste Mai fing sich, wie der Mensch und seine Weltgeschichte, mit einem Nebel an. Der Frühling, der Raffael der Norderde, stand schon draußen und überdeckte alle Gemächer unsers Vatikans mit seinen Gemälden." Wenn Jean Paul einige Jahre spä- ter jedoch in seiner Vorschule der Ästhetik schreibt: "nicht das gemeine physische Wunder, sondern das Glauben daran malt das Nachtstück der Geisterwelt", dann ist der Paragone im Grunde längst im Sinne der Romantik entschieden: die Gemälde der Phantasie werden von allen Künsten simultan ausgeführt. Von hier aus öffnet sich das Nachtstück den neuen, revolutionären Ausdrucksformen des 19. Jahr- hunderts mit ihren im Psychologischen über Jean Paul und das 18. weit hinaus- reichenden nächtlichen Schreckens- und Erhebungs-Szenarien. Erneut in allen Sprachen der alten und der neuen Welt (von E.T.A. Hoffmann über Gérard de Nerval bis zu Edgar Allan Poe) und in allen Zeichensprachen der verschiedenen Künste breitet sich die Faszination am Nächtlichen unaufhaltsam im transnationalen "Geisterreich der Kunst" aus.

Jörg Paulus, Schriftsteller, ist auch Dozent für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Carolo Wilhelmina zu Braunschweig.

Nachtstücke