Bis zur Selbstvergessenheit

Von Hans Gärtner

Da kannte der aus Salzburg stammende Wiener Musikverleger Anton Diabelli aber Beethoven schlecht! Der tanzte aus der Reihe. Lieferte, von Diabelli aufgefordert, nicht, wie das Kollegen wie Schubert, Hummel und der junge Franz Liszt brav taten, eine Variation über einen Walzer Diabellis ab, der damit die künstlerische Vielfalt von 50 österreichischen Komponisten des beginnenden 19. Jahrhunderts belegen wollte. Nein, Beethoven ließ sich Zeit und schrieb dann - ohne es im Auge gehabt zu haben - ein Großwerk. Unter dem Kurztitel "Diabelli-Variationen" ist es in die Musikgeschichte eingegangen. 1823 ließ Diabelli Beethovens 33 "Veränderungen" als Teil I, die Variationen der 49 anderen Tonsetzer im Jahr darauf als Teil II folgen.

Geschafft: Michael Frohnmeyer nach Mozart und einem überwältigenden Beethoven im Ahnensaal des Klosters Zangberg. Foto gär Alfred Brendel bezeichnete die "Diabelli-Variationen" als ein "Kompendium musikalischer Komik". Beethoven, darin ist Brendel sich mit anderen Koryphäen einig, versteht man erst, wenn man wenigstens einmal im Leben dieses Werk gehört hat.

Der in Schwindegg lebende Pianist Michael Frohnmeyer dürfte sich dieser Meinung anschließen; setzte er doch damit im Ahnensaal des Klosters Zangberg den Schlusspunkt des von ihm initiierten, heuer zum siebten Mal durchgeführten Musikfestes "Nachtstücke". Anspruchsvoll war das Programm. Und diesem Anspruch müssen die "Nachtstücke" treu bleiben. Nur dadurch zeigen sie: Große Kunst, von großen Künstlern realisiert, gibt es auch in der Provinz. In seiner 50 Minuten dauernden, in höchster Konzentration grandios bewerkstelligten und zu Recht anhaltend applaudierten Interpretation der starken musikalischen Aussagen und schwankenden Stimmungen unterworfenen 33 Walzer-Abwandlungen bediente Frohnmeyer, wie anders hätte es auch sein können, das Klischee vom bedrückten, verkopften, monumentalen Ludwig van Beethoven.

Größer können die "Ausschläge" musikalischen Empfindens nicht sein wie die der "Diabelli-Variationen": vom beherzten "Vivace" über Kantabiles, ein wenig Bewegtes reicht das Ausdrucksspektrum, um in der berühmten aufwühlenden "Fuga Allegro" (Frohnmeyer kostete deren Dramatik bis zum Letzten aus) zu gipfeln. Die Zäsuren zwischen den mal kürzer, mal länger währenden Variationen waren sehr, vielleicht zu knapp, um als unbedarfter, vielleicht gar erster Hörer dieses Werkes, den Charakter-Wechsel mit zu vollziehen.

Der ohne Notenvorlage höchst erfolgreich unternommene Alleingang gelang dem wunderbaren Michael Frohnmeyer ohne sichtliche Anstrengung. Ein erlöstes Lächeln war ihm dennoch anzumerken, als er die Ovationen des Publikums bescheiden, aber konsequent ohne Zugabe entgegennahm. Der verdiente riesige Blumenstrauß wurde bedauerlicherweise nur in Form von heftigem Applaus überreicht.

Enorm viel Arbeit steckt doch allein schon in der kräftezehrenden Aneignung des riesigen Beethoven-Werkes, das zu den bedeutendsten Klavierkompositionen gerechnet wird. Bis zur Selbstvergessenheit muss dann gegangen werden, um das internalisierte Opus unter wie immer gearteten temporären Bedingungen wiederzugeben. Frohnmeyers Zähigkeit und musikalischem Feingefühl ist es zu danken, dass seine astrein abgelieferten "Diabelli-Variationen" zu den Höhepunkten des Festivals gerieten.

Den beiden überzeugend vor die Pause gesetzten dramatischen c-moll-Werken W. A. Mozarts - Fantasie und Sonate, KV 475 und 457 - soll mit der Hymne auf den schwer erarbeiteten und glänzend geglückten Beethoven kein Abbruch getan werden, was die Akzeptanz durch das vom pianistischen Können Frohnmeyers überwältigte Publikum angeht.

Auch wenn manchem Zuhörer die heitere Unbeschwertheit und perlende Lust des leichten Mozart gefehlt haben mochten. Paul Badura-Skoda war es, der mit Richard Rosenberg einmal frappierende Ähnlichkeiten zwischen KV 457 und Beethovens "Pathétique" entdeckt hatte. Darin mag wohl auch der Sinn der Zusammenspannung der beiden späten c-moll-Werke Mozarts mit dem nicht weniger späten Beethoven gesehen werden.

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