Schonungslos trotz Häppchen

Von Markus Honervogt

Es sind mächtige Klavierakkorde, die die achten Nachtstücke eröffnen. Der künstlerische Leiter des Musikfests, Michael Frohnmeyer, hämmert sie auf dem Steinwayflügel im Ahnensaal des Kloster Zangbergs mit hartem Anschlag. Schonungslos gegen das Instrument, das er bis an seine Klanggrenzen treibt, schonungslos auch gegen die Zuhörer, die sich der Wucht des Frohnmeyerschen Spiels zu keiner Sekunde entziehen können.

Franz Schubert, drei Klaviersonaten, die letzten, die der Komponist kurz vor seinem Tod vollendet hat, hat Frohnmeyer ausgesucht. Und es ist kein leichter Auftakt zu den Nachtstücken, den der Pianist aus Schwindegg den Zuhörern zumutet. Die Sonaten c-Moll (D.958), A-Dur (D. 959) und B-Dur (D. 960) galten lange als schwierig, als unzugänglich, als formlos und zu lang. Mit der Direktheit ihrer Emotionen binden sie den Zuhörer, geben ihm kaum Luft zum Atmen. Wie ein Testament des kranken Schuberts wirkt der Kopfsatz der letzten Sonate, der scheinbare Schlussjubel des letzten Satzes kann die unterschwellige Trauer nie ganz überdecken.

Frohnmeyer tut das Seine dazu, dass diese Emotionalität unmittelbar spürbar wird. Es gibt kein Mittleres in seinem Spiel, kein Verbindendes, keinen Kompromiss. Er spielt hart und kontrastreich, lotet die Sonaten in ihrer ganzen Tragik aus, baut Spannung auf und erhält sie, bis es fast körperlich schmerzt. Pausen werden nervenzerreißend lang, auch technisch anspruchsvolle Läufe prügelt er in die Tastatur.

Auf der anderen Seite gibt sich Frohnmeyer den liedhaften, lyrischen und erzählenden Takten hin, der ungeheure Melodienreichtum, gibt dem Flügel Gelegenheit zu singen. Fesselnd gelingt der Beginn des zweiten Satzes der A-Dur-Sonate, als das Licht vor den Fenstern des Ahnensaals verblasst. Und während es draußen dunkler wird, treten die Ahnen an den Wänden des Barocksaals umso deutlicher hervor, bekommen Gesichter, werden Mann, werden Frau. Frohnmeyer kostet im Angesicht der Toten die ganze Tiefe der Schubertschen Traurigkeit aus, in der nur ein winziger Hauch Hoffnung mitschwingt. Am Ende aber ist es wieder musikalische Besessenheit, die die Melancholie zerstört.

Frohnmeyer ist mit dem Schubertabend dem treu geblieben, war er vor den Nachstücken im Mühldorfer Anzeiger gesagt hat: "Ein Konzertabend muss in meinen Augen mehr bieten als nur schöne Musik und Häppchen. Ich verstehe Musik nicht nur als Konsumartikel. Es geht dabei auch immer um etwas Existenzielles. Und das darf nicht unter den Tisch fallen."

Häppchen gab es übrigens auch, genauso wie kostenlose Getränke, nur Nebensächlichkeiten, aber Teil des besonderen Stils der Nachtstücke. Geht das Musikfest in dieser Intensität weiter, dürfen sich Zuhörer auf weitere Abende voller existenzieller Erfahrungen freuen: mit Spätwerken von Beethoven, Liszt und Chopin oder zeitgenössischen Komponisten, die sich dem Etikett eines gefälligen Konzertabends auch heuer entziehen werden.

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