Nichts als Klang

Von Wolfgang Haserer

Das Ambiente ließ keine Wünsche offen: der Barocksaal im Schloss Schwindegg, ein bisschen Kerzenlicht, dazu Häppchen und Sekt. Es war also angerichtet für einen großen Abend, einen Höhepunkt des kulturellen Lebens im Landkreis.

Beifall und Bravo-Rufe hätte es gegeben, Schultergeklopfe und jede Menge Erzählungen, was es doch für ein Glück gewesen sei, eine Karte ergattert zu haben. Alle hätten sie geschwärmt über den tollen Haydn, Mozart oder Bach an diesem außergewöhnlichen Ort.Doch so einfach wollte es sich und dem Publikum Nachtstücke-Organisator Michael Frohnmeyer am zweiten Abend des Musikfests nicht machen. Und die, die vor allem das Schloss und das Wohnzimmer des Pianisten sehen wollten und vielleicht das Kleingedruckte in der Vorankündigung nicht genau gelesen hatten, spürten schnell, dass eben nicht die Wiener Klassiker auf dem Programm standen, sondern Morton Feldman, ein Komponist des 20. Jahrhunderts (1926-1987). Schwere Kost also für melodieverwöhnte Ohren.

Frohnmeyer hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er der Neuen Musik bei den Nachtstücken ihren Raum geben will. Heuer, beim fünften Anlauf, hat er gleich zwei Abende der Moderne gewidmet: Nach Sofia Gubaidulina im Haus der Kultur (wir berichteten) war nun der Amerikaner Feldman mit seiner "Crippled Symmetry" an der Reihe.

Neben Frohnmayer an Klavier und Celesta stellten sich Michael Schmid, Flöte und Bassflöte, sowie Anno Kesting, Vibraphone und Glockenspiel, der Aufgabe, das umzusetzen, was Feldman 1983 notiert hatte. Wie gut das gelungen ist, lässt sich kaum beurteilen. Schon deshalb nicht, weil das klangliche Ergebnis in jeder Aufführung anders ausfällt. Außer Frage steht: Alle Musiker gingen hochkonzentriert zu Werke, die Noten fest im Blick, um Perfektion bemüht. Alle sind sie Meister ihres Fachs, vielfach ausgezeichnet, Instrumentalisten auf höchstem Niveau.

Bleibt die Frage, was es denn zu hören gab, an diesem denkwürdigen Abend im Schloss Schwindegg. Musik, wie die meisten sie kennen, war es nicht. Schon mehr eine Aneinanderreihung von Tönen, 90 Minuten lang, ohne Pause. Klänge ohne jede Melodie, voller Wiederholungen akustischer Muster, ohne Höhepunkte. Die verkrüppelte Symmetrie hinterlässt in der Summe einen ruhigen, minimalistischen Eindruck.

Nun kann man Feldman als Sonderling oder Dilettant abtun und den Saal bei der erstbesten Gelegenheit wieder verlassen. Immerhin hielten es in Schwindegg alle Besucher fast 75 Minten lang aus, dann suchten die Ersten das Weite, flohen vor Feldman und seinen Klängen, dem bezaubernden Ambiente zum Trotz.

Doch der Punkt ist: Wer Feldman hören will, muss sich schon vor dem Konzertbesuch intensiv mit ihm beschäftigen und sich lösen von allem, was im musikalischen Alltag an die Ohren dringt; muss Platz machen für eine völlig neue, ungewohnte Form des Klangs. Denn um nichts anderes geht es dem Komponisten. Die Klänge sind in seiner Vorstellung nicht Träger einer außermusikalischen Botschaft, wie es der geneigte Zuhörer gerne hat. Sie sprechen für sich. Darum bringt es auch nichts, der Musik Morton Felmans auf den Grund zu gehen. "Crippled Symmetry" ist ein Rätsel ohne Lösung. Für Künstler und Publikum ein musikalisches Experiment, das letztlich nichts anderes will, als gehört zu werden - auch wenn es ohne Zweifel mit zunehmender Dauer anstrengend, ja fast schon penetrant wird. Vor allem in den letzten zehn, zwölf Minuten, in denen das Glockenspiel dominiert.

Was bleibt, ist der Respekt vor Michael Frohnmayers Mut. Denn mit Morton Feldman im Programm hat er sich und dem Musikfest Nachtstücke an diesem Abend nicht nur Freunde gemacht. Und dabei hätte er es sich doch so einfach machen können.

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