Zeitlos schön

Von Markus Honervogt

Musikfest Nachtstücke im Landkreis Mühldorf: Jens Peter Maintz verbindet Barock und Moderne

Mit Jens Peter Maintz hat "Nachtstücke"-Impressario Michael Frohnmeyer einen Cellisten eingeladen, der zur deutschen Elite zählt. Maintz ist nicht nur in der klassischen Musik zu Hause, sondern hat viele Werke zeitgenössischer Komponisten gespielt. So entspinnt sich auch beim Violoncelloabend im Schwindegger Schloss der Dialog, der für die Reihe der "Nachtstücke" so typisch ist und sie so spannend macht: Auf Bach folgt Berio folgt Bach, folgt Lutoslawski. 18. Jahrhundert wechselt sich ab mit der Gegenwart.

Spieltechnisch verbindet die Stücke, die mehr als 250 Jahre auseinander liegen, viel. Galt Bachs sechste Cellosuite ob ihrer Akkorde und Höhen einst als fast unspielbar, fordert 282 Jahr später Luciano Berio in seiner Sequenza dem Musiker neue Spieltechnik ab. Maintz lässt sich mit Lust darauf ein. Er trommelt und zupft und streicht, sein Cello jault und singt in Obertönen, er schlägt Akkorde und folgt dem Komponisten bereitwillig, der den Musiker alle Möglichkeiten des Instruments erkunden lässt.

Maintz überträgt die moderne Spieltechnik im Schwindegger Schloss weitreichend auf Bach, schon in der ersten Suite, die den Abend eröffnet. Sehr schnell, schneller als gewohnt, beginnt er. Er spielt aggressiv, ausgesprochen pointiert, nimmt dabei den einen oder anderen Misston in Kauf, treibt die populärste der Cellosonaten vor sich her. Maintz spürt der beinahe mathematischen Genauigkeit des Stücks nach, arbeitet die Struktur mit bewusst moderner Spieltechnik klar heraus, verzichtet auf jeden Weichmacher. Bachs Cellosonaten, vor allem wie Maintz sie spielt: eher Musik für den Kopf als für das Herz.

Seinen Höhepunkt findet die Interpretation im dritten und vierten Satz der sechsten und letzten Bach'schen Suite. Maintz seziert dieses wunderbare Stück Musik, zerlegt und fügt es im Spiel wieder zusammen.

Mit großer Leidenschaft und Hingabe schleudert er die Akkorde und rasenden Läufe in den barocken Saal und konfrontiert die Zuhörer mit der musikalischen Erkenntnis, wie verwandt der alte Bach den modernen, oft schwer zugänglichen Komponisten der Gegenwart ist. Eine Herausforderung fürs Hören und fürs Denken.

So entwickelt sich der Dialog der musikalischen Epochen von der Kontroverse hin zu überraschenden Gemeinsamkeiten. Maintz betont eher das Miteinander als das Trennende und hebt Bach doch hervor. Seine Musik ragt heraus, sie ist zeitlos und jung. Und sehr, sehr schön.

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