Trauer-Spiele

Von Hans Gärtner

Ist nicht der Tod ein Genie? Hat er nicht das Talent, Leben zu löschen, für immer? Bei Parisicilia, der malenden Gattin des das Musikfest "Nachtstücke" bereits zum achten Mal ausrichtenden Schwindegger Pianisten Michael Frohnmeyer, hat der Tod "sein" Genie. Auf einem im Programm-Heft wiedergegebenen Linoldruck entströmt ein kindlich-reines Wesen aus einem ausgemergelten, in Hemd und Hose steckenden Skelett. Mit der Attitüde des Überlegenen, Reinen, hält es dem begierigen Zugriff des Totenschädel-Gebisses Stand.

Voriges Jahr Schloss Schwindegg, nun Kloster Zangberg: Weltstar Valery Afanassiev, bereit, an den Flügel im Ahnensaal zu treten. Für zwei Stunden Trauer-Spiele.

Kein anderes "Bild" passte so gut zum Programm dieses Nachtstücke-Abends. Der Ahnensaal des Klosters Zangberg war in Dämmer gehüllt. Die Kronleuchter gaben schwaches Licht. Durch die Fenster drohte ein grauer, wolkenverhangener Himmel mit Regen. Die drei auf den Flügel gerichteten Scheinwerfer fluteten sanft. Gedämpfte Unterhaltung im Saal, dann kurzer Beifall für den aus einer der schweren Türen scheu tretenden, schwarz gekleideten Künstler von Weltruf. Valery Afanassiev nimmt entschlossen Platz vor dem Steinway. Beginnt mit Beethoven-Bagatellen op. 119 (1 bis 4), lässt dabei noch offen, wohin der darin mitgeteilte entspannende, fast kindlich anmutende Gehalt treiben würde. Doch spätestens bei Franz Liszts vier kleinen Klavierstücken kündigt sich an, dass es hier und heute Abend um Trauer-Spiele geht. Um Tristesse. Um Todesnähe.

Dem des Italienischen Kundigen verrieten Liszts Titel "La lugubre gondola II" und "Nuages gris" nur Finsteres, Unheilvolles. Ein konzentriert spielender Afanassiev gab sich der immer düster werdenden Stimmung voller Inbrunst hin, ließ spotartig - bei den drei "Préludes" von Claude Debussy wurde es deutlich - in das Verhangene, Verhüllende kurze, zart-silbrige Einsprengsel der rechten Hand fallen, so dass keiner im Saal sich zu räuspern getraute bei "Voiles" und "Des pas sur la neige".

Vielmehr schritt man, spätestens hier Afanassievs Intensität verfallen, den Vorhang beiseitegeschoben, in Gedanken durch frisch gefallenen Schnee, bis man, mit dem Pianisten als kraftvollem, ein allmählich sich steigerndes Orgelbrausen herbeizauberndem Toröffner, die "Cathédrale engloutie" betreten durfte, einen himmelhohen Raum des Verschlingens. Der Tod beißt also doch erfolgreich zu, und "sein" Genie ist dagegen machtlos?

Trauermärschen von Beethoven, Chopin, Wagner und Liszt überließ der wahrhaft große, bescheiden auf- und abtretende Valery Afanassiev nach der Pause - man war gestärkt nach dem Genuss feiner Häppchen und erlesener Getränke - das Feld. Betonte dabei bald das Heldisch-Übermenschliche, beim nicht enden wollenden Schreiten in eine andere, aber ungewisse Welt ("Marchia funebre sulla morte d'un Eroe"), bald (bei Chopins "Marche funèbre") das Beseligende, das noch im Jenseits für Schwärmerisches offen ist, gewann mit Schwere das Erlöser-Motiv der Liszt'schen "Parsifal"-Bearbeitung dem jetzt eigenartiger Weise weniger hart klingenden Flügel ab, um mit den "Funérailles" von Franz Liszt einen klangrauschhaft sprühenden Schlusspunkt zu setzen.

Für Salzburg, so hört man, ist ein Valery Afanassiev unbezahlbar. Im kleinen Zangberg war er für einen Pappenstiel zu erleben, zwei Stunden lang. Dass der 65-Jährige gebürtige Moskauer, der auch mit Romanen und Theaterstücken hervortrat, schon zum zweiten Mal aus Paris zu locken war und den "Nachtstücken" und der musikalisch nicht gerade verwöhnten Inn-Isen-Gegend die Ehre gab, liegt wohl an den guten Beziehungen des Musikfest-Initiators zu einem der ganz Großen seines Metiers. Der Applaus hätte eigentlich nicht enden dürfen. Das Genie des Todes lächelt bei Parisicilia nach wie vor still in sich hinein. Wie gerne würde der Tod zubeißen. Aber "sein" Genie hält Stand.

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