Raum für die Zeit

von Hans Gärtner

Ein Spiel um Raum und Zeit. Ein "Parsifal"-Motiv, geboren aus dem Kopf des alten Richard Wagner, der in seinem Bühnenweihfestspiel Zeit in Raum verwandelte. John Dowland wurde 250 Jahre vor Wagner geboren, vermutlich in London, wo er begraben liegt. Und die meisten seiner Werke schrieb, Lieder, Instrumentalwerke, vor allem Lautenstücke.

"Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön": Das galt besonders für das Nachtstücke-Konzert des "Ensemble Unidas" in der Schwindegger Besetzung Eva Reiter, Theresa Dlouhy und Christopher Dickie. Foto gär "Time stands still" - Die Zeit hält an - ist eines seiner Lieder mit Lautenbegleitung überschrieben. Das Thema nahm das "Ensemble Unidas" als Motto für seinen Gastspiel-Abend im Bürgerhaus Schwindegg. Das Spiel um die Zeit, die wir Menschen nur verrinnen ("vergehen") spüren, manchmal festhalten ("Verweile doch, o Augenblick, du bist so schön!"), ein andermal zurückholen möchten, erhielt durch einen ganz simplen Handgriff die Raum-Dimension: Man verzichtete für diesen besonderen Abend, der nun für dieses Jahr auslaufenden Reihe "Nachtstücke", auf den Vorhang, schob ihn ganz beiseite, ließ den Bürgersaal im ersten Stock noch einmal so groß werden wie den Zuschauerraum, und zwar dort, wo die drei Künstler agierten. Hinter ihnen tat sich - zu Beginn des Konzerts mit vom späten Tageslicht erhellten drei Fenstern - eine Weite auf, die John Dowland & Co. nicht nur nach vorne, auch nach rückwärts ausschwingen ließ. Ein Spiel mit Raum um Zeit. Zeitgenossen des englischen Renaissancekomponisten wie Tobias Hume, Thomas Campian und Stephen Goodall kamen zu Wort, manchmal "nur" zu Ton, wenn Laute oder Gambe allein spielten. Doch so eindimensional wollte das "Ensemble Unidas" mit "Time stands still" nicht sein, es durchschnitt die Zeit des reifen 16. Jahrhunderts mit Stücken, die - ja, sagen wir's - manchmal regelrecht dem Ohr wehtaten: "Vier Minuten" von Carlo Inderhees (geboren 1955), "Darkness awaits us" von Bernhard Gander (1969), "Nights" von Burkhard Stangl (1960) und "Mourn, Mourn" von Wolfgang Mitterer (1958). Die insgesamt 17 Stücke, zu einer pausenlos gebotenen Folge gefügt, die die geräuschlos Zuhörenden zur Ruhe brachten, zur "Großen Stille" (wie sie ein fünfstündiger Kinofilm über das Leben der Kartäuser-Mönche in Frankreich bewegend thematisierte) - diese 17 trefflich und glückvoll ausgewählten Stücke brauchten aus der Original-Sprache Englisch nicht übersetzt zu werden, sie wurden auch ohne deutsche Übertitelung "verstanden". Der Zeit Raum geben. Die Zeit einlassen. Sich auf Zeit einlassen - auf eine Stunde nur. Die mochte vielleicht manchem der Zuhörenden zu kurz erschienen sein. Wo man doch vom Solo- und Begleit-Spiel der zupackenden Viola da Gamba (Eva Reiter), des bedächtigen Christopher Dickie (Laute) und der zarten, geradlinigen, innigen Sopranstimme der Theresa Dlouhy so angetan war, dass man gerne noch weiter gelauscht hätte. Aber im Wenigen liegt nicht selten ein Mehr. Kostbares verliert oft durch Abundanz. Es war genügend Gelegenheit, über die Kostbarkeit des Zeit-Phänomens nachzudenken, eines Geschenkes, dessen Wert der Mensch sich nicht oft genug vergegenwärtigen kann. Eines ist jedem sicher: Zeit. Auch wenn sie zum Flüchtigsten gehört, das wir "haben" dürfen. "Come, heavy sleep" - den Wunsch, mit dem der Tag eines schwer arbeitenden, müde und matt gewordenen Menschen endet (oder ist es gar das Leben, das die "ewige Ruhe" ersehnt?), setzte das 2008 in Wien gegründete "Ensemble Unidas" (eine künstlerisch exzellente Dreiheit in Einheit) an den Schluss seines in philosophische Dimensionen vorgedrungenen Konzerts. Wetten, dass auch dieser letzte, als Zugabe gebotene Song von John Dowland war? Nur er, den man - mit Richard Wagner und Giuseppe Verdi - zu den "Jahresregenten 2013" der Musik zu zählen hat, bringt in so geschliffener Kürze Menschliches auf den Punkt. Sich mit ihm und seinen Zeitgenossen zu beschäftigen, seine "Fances", "Pavanen", "Gaillarden", seine Hundertschaft an Lautenstücken wieder zu entdecken - dieser Abend konnte dazu ermuntern. Für den "heavy sleep" ist noch Zeit genug.

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