Kontrastreiches Abschlusskonzert der Nachtstücke

Von Marian Birken

Das Minguet Quartett und Michael Frohnmeyer als Vermittler unterschiedlicher musikalischer Welten.

Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge" gilt als fundamentales, richtungsweisendes Werk kontrapunktischer Musik. Vom Meister ohne Besetzungsangabe in Partitur gesetzt, wird es in verschiedenen Formationen aufgeführt. Darunter sind die für Streichquartett besonders aufschlussreich und transparent. Genau so geriet die Interpretation durch das in Köln beheimatete Minguet Quartett, mit Ulrich Isfort (Violine I), Annette Reisinger (Violine II), Aroa Sorin (Viola), und Matthias Diener (Violoncello), beim kontrastreichen Abschlusskonzert des sechsten Musikfestes "Nachtstücke", im akustisch hervorragenden Ahnensaal des Klosters Zangberg.

Den zahlreichen Zuhörern wurde die Möglichkeit geboten, die verschlungenen Wege der kunstfertigen Fugen nicht nur hörbar, sondern auch visuell durch Blickkontakt mit den Streichern nachzuvollziehen - ein bewegender Vorgang. Dieser war auch unerlässlich beim "Officium breve" von György Kurtag (geboren 1926 in Rumänien), dessen Kompositionsstil entscheidend von der ungarischen Psychologin Marianne Stein beeinflusst wurde. Sie führte ihn zu sich selbst. Sie wies ihn beispielsweise an, ganz einfach nur zwei Töne zu verbinden. Auf diese Weise half sie dem suchenden Komponisten zu der ihm gemäßen musikalischen Form zu finden.

Das "Officium breve in memoriam Andreae Szervanszky", eines ungarischen Komponisten, wurde weitgehend von dessen Musik sowie von der Anton Weberns als konträren Pol geprägt. Die 15 Teile wechselten sich ab mit den Bachschen Fugen. Im Gegensatz zu diesen war eine Transparenz auf Anhieb ohne Partitureinsicht nicht erkennbar - daher die Notwendigkeit der visuellen Hilfestellung. Sie brachte nebenbei Spektakuläres zu Tage, wie den bei modernen Tonsätzern üblichen Umgang mit den Instrumenten, nicht immer im Sinne des Erfinders. So bekam man unter anderem zerreißprobenartige Pizzicatti oder aufschreckend kreischende Geräusche präsentiert, mit Streichinstrumenten erzeugt. So etwas will gekonnt und eingeübt sein - eine Glanzleistung des Quartetts. Alfred Schnittke, ein Wolgadeutscher (geboren 1934), beschäftigte sich kompositorisch intensiv mit den Entwicklungen und Richtungen der neuesten Musik wie der Dodekaphonie, der seriellen Technik und der Aleatorik. Das wurde auch sehr deutlich in seinem Klavierquintett, meisterhaft und perkekt ausgeführt vom Minguet Quartett und Michael Frohn-meyer am Konzertflügel.

Ein an tonaler Musik geschultes Gehör müsste sich an diese Art von Tonsetzung erst gewöhnen - oder auch nicht. Niemand sollte es gegen sein persönliches ästhetisches Empfinden tun. Das gilt schließlich für alle Bereiche der Kultur und Zivilisation. In Würdigung ihrer fühlbaren Hingabe an die Musik bekamen die Künstler des Abends viel herzlichen, anerkennenden Beifall.

Als Zugabe spielten sie einen fulminanten Satz aus Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op.44, für viele Inbegriff inspirierter Kammermusik.

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