Nachts, wenn die Sonne aufgeht

Das dritte Musikfest « Nachtstücke » im Kloster Zangberg endete himmlisch

Von Hans Gärtner

So dunkel das Programmheft und Ticket, passend zum Titel des Musikfestes im Landkreis Mühldorf am Inn:
« Nachtstücke », so hell die Mienen derer, die es gestalteten und genossen. Vier blutjunge Männer aus Paris, die sich zum « Amedeo Modiginani Quartett » vereinten und bereits welterfolge von New York bis Amsterdam verbuchen können, brachten zur abendlichen Stunde für kurze Zeit den Himmel in den Ahnensaal des Klosters Zangberg. Sie ließen das dritte Musikfest mit kaum zu überbietender Bravour enden. Die Sympathien des von weither angereisten Publikums schlugen den vier renommierten Gästen aus Frankreichs Hauptstadt hörbar entgegen. Bravos wurden in den lange anhaltenden Beifall hineingerufen, den Fußtrampeln noch verstärkte. Ein frisch und frech gezupfter Bela Bartok war der Dank für Philippe Bernhard (ertste Violine), Lois Rio (zweite Violine), Laurent Marfaing (Viola) und François Kieffer (Cello). Warum das Programmheft die Namen verschweigt? Nicht einzusehen sein dunkel grundierter Druck, der das Lesen der Viten, des Essays von Jörg Paulus unmöglich macht.

Die vielen Leerstellen hätten Zusatz-Infos fülllen können: Eckdaten zu Komponist und Werk mit Erläuterungen. Statt sich zweimal mit dem gleichen Text und (überflüssigem, weil kaum « lesbaren ») Foto vorzustellen, hätte Initiator Michael Frohnmeyer sein Konzept darstellen könnnen. Beim Eingangsstück, Joseph Haydns Streichquartett Nr. 63 in B-Dur, musste man befürchten, daß die Musiker bereits ihr Pulver verschossen hätten. Der « Sonnenaufgang », in zarter aufsteigender Tonfolge, wurde durch starke Affekte konterkarriert. Deutlich spürbar wurden die zu verarbeitenden nächtlichen Traumgebilde geäußert. Düstere Ahnungen barg das in friedliche Gefielde übergeführte Adagio. Die Freuden des anbrechenden Tages nahm das Menuett auf das Anmutigste vorweg. Verschwommen begann leider das Finale, dem das Quartett die bisher gezeigte schartfe Konturierung an Hast und übereilung verschenkte. In den Ravel (Streichquartett in F-Dur) investierte es dann ein in Schüben sich entladendes Emotionspaket. Kaum begreifbar, wie es gelang, mit Ausbrüchen, Verhaltungen, filigranen Andeutungen eine Trurigkeit zu erzeugen, die beklommen machte. Genial auch die Aufregung in den vier Instrumenten mit strengen Pizzikati, denen das Cello tapfer Widerpart bot. Dieses Werk Maurice Ravels ist ein echtes « Nachtstück ». Geheimnis, Unruhe, Verstörtheit, Verschreckheit, böse Ahnungen… ! Hauchzart wie ein Tüllschleier legte sich der « très lent »-Satz über das Stück, bis im « Vif et Agité »-Schluss die Hölle los ist: Alles rennt. Es rette sich wer kann – in die Pause.

Wüstes Chaos der Vibrati und Rubati lassen einen nicht gleich ausatmen im schönen, weiten Park der Klosteranlage.
Mit Ludwig van Beethovens « Razumowsky »- Quartett in C-Dur op. 59 klang das Musikfest freilich nicht optimistisch aus. Das Werk schickt einem in der großartigen Interpretation des « Amedeo Modigliani »-Quartetts Schauer über den Rücken, lässt an letzte Dinge, Totenfeier und Freund Hein denken. Herztöne der leidenden Kreatur wurden hörbar. Drängendes Strömen, das sich schwer bändigen lässt. Die Luft des Letalen wehte. Rumoren im fließenden, wogenden Andante con moto…Rasend, ungestüm, aufbrausend das Gefühlsgeflecht. Ein Beethoven, der sich einhängte. So wie das ganze Konzert. Bitte, bitte, auf diesem Niveau weiter. Dann geht nachts die Sonne auf.

Ohne Licht und Wärme kein Leben. Ohne hohe Kunst kein Atmen.

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