Klassik für Einsteiger

Krawatte, Konzertsaal und kein Klatschen zwischen den Sätzen: Oft wirkt E-Musik so unnahbar wie altmodisch. Das Danel Quartett beweist, dass es auch anders geht.

von Aljoscha Leonhardt

Waldkraiburg - Es ist eine regelrechte Naturgewalt, die über die Zuschauer hereinbricht: Unversöhnlich, roh, beinahe gewaltsam zerschneiden die ersten Akkorde die Stille, martialische, furchteinflößende Dreiklänge durchdringen den Saal bis in den letzten Winkel, und inmitten all der tonalen Verwüstung vermag es kaum zu überraschen, dass Dmitri Schostakowitsch dem «Allegro» seines dritten Streichquartetts den Titel «Entfesselte Kräfte des Krieges» zur Seite stellt. Ein Sturm braut sich zusammen; doch ehe die erste Violine zu der impulsiven, höhnischen Melodie ansetzen kann, die die Partitur vorsieht, klemmt Marc Danel die Geige leger zwischen seine Knie - und fängt an zu erzählen. Ein missglückter Abend? Mitnichten: Das Publikum lauscht keinem Konzert, sondern einer Probe. Zum ersten Mal präsentiert das «Nachtstücke»-Musikfest nicht nur erlesene Kammermusik und Künstler aus aller Welt, sondern ermöglicht darüberhinaus auch einen Blick hinter die Kulissen der Klassik, kostenlos, frei zugänglich und eingebettet in eine Fülle von Informationen, Erläuterungen und Anekdoten. Über hundert Schüler zwischen 11 und 16, darunter auch Klassen der Ferdinand-Porsche-Realschule Waldkraiburg, ergreifen die Gelegenheit, der öffentlichen Probe beizuwohnen, strömen am Freitag ins Haus der Kultur und hören Auszüge aus den Kammermusikwerken eines der größten russischen Komponisten des vergangenen Jahrhunderts. Schostakowitsch und Streichquartett statt Schule und Stegreifaufgabe: Lebendiger kann Musikunterricht kaum sein. Für Veranstalter und Pianist Michael Frohnmeyer ist das pädagogische Projekt mehr als nur ein Novum - es ist ein lang gehegter Traum. «Die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts liegt mir enorm am Herzen», betont Frohnmeyer, doch Plattformen für moderne, «ernste» Musik, die auch Jugendliche erreichen, seien rar gesät. Das Konzept der öffentlichen, kommentierten Probe stelle einen ersten, noch zaghaften Versuch dar, eine Brücke zwischen der klassischen Musikwelt und jüngeren Generationen zu schlagen - und sei im Hinblick auf die kommenden Jahre absolut ausbaufähig. Eben dieser Brückenschlag fällt aber schon im kleinen Rahmen schwer. Schostakowitschs drittes Streichquartett, ein vielschichtiges Werk voller ungewohnter Klangfarben und Harmonien, überwältigt, fordert, verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit - und so widmen sich zahlreiche Schüler nicht den verspielten Phrasen des «Allegretto», sondern denen ihrer Sitznachbarn. Aufgebrachte Lehrkräfte entreißen ihren Eleven blinkende Handys, und während sich auf der Bühne musikalische Dramen abspielen, haucht erst eine Fernsehkamera, die über das Publikum schwenkt, den Schülern Leben ein. Als Danel auf eine irrwitzig komplexe, kunstvolle Sequenz hinweist, die so wirke, als würden die vier Musiker aneinander vorbeispielen, raunt ein Junge: «Klingt genauso falsch wie der Rest.» Auch die tragische und doppelbödige Biographie des russischen Komponisten ist alles andere als leichte Kost: Verfolgung, Zensur und Manipulation unter sowjetischem Regime dominieren die Lebens- und Leidensgeschichte Schostakowitschs und die feinen Bezüge zwischen Leben und Werk sind keineswegs offensichtlich. Doch den Musikern des Quartetts gelingt im Laufe der Probe etwas Erstaunliches: Nach und nach gewinnen sie die Aufmerksamkeit ihres jungen Publikums, das Murmeln verliert an Präsenz und nach besonders akrobatischen Passagen brandet gar hingerissener Applaus auf. Im Anschluss an eine kurze, amüsante Ballettnummer bittet Danel um Vermutungen, worum es denn gerade ging - und tatsächlich, einer der Schüler errät die Thematik: Fußball. Es sind harmlose Details wie Schostakowitschs Sportbegeisterung, die den Komponisten und sein Werk plastisch erscheinen lassen, ihn den Schülern nahebringen. Danel integriert diese Kleinigkeiten mit äußerstem Geschick und am Ende hat sich das anfängliche Desinteresse in offenkundige Faszination verwandelt. Zumindest bei manchen. «Klassische Musik ist kein Denkmal, und der Komponist nicht purer Geist», glaubt Danel. «Schostakowitsch kann sogar zugänglicher als Mozart sein: Man muss den Jugendlichen einen intuitiven Zugang ermöglichen, das Tor zu den Komponisten öffnen, und dieses Stück, das ist reine Bauchmusik!», bemerkt der Primarius des Quartetts und erzählt von einem französischen Jungen, der nach einem Konzert zugegeben habe, das Stück gehasst zu haben. «Und warum? Weil es ihn unheimlich traurig machte. Aber das ist großartig - denn dieser Junge wird Beethovens Neunte hören und unheimlich glücklich sein.»

Ohne Licht und Wärme kein Leben. Ohne hohe Kunst kein Atmen.

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