Keine Lieder ohne Worte

Von Hans Gärtner

Ob sich im Zangberger Ahnensaal alle im Klaren waren, was für Ausnahme-Stücke sie zum Abschluss des Musikfests "Nachtstücke" geboten bekommen sollten? Denn der große Valery Afanassiev (Moskauer des Jahrgangs 1947) stellte sich seiner Fangemeinde mit den zwar berühmten, aber auch weitgehend unerforschten so genannten "Drei Klavierstücken" (D. 946) von Franz Schubert vor.

Sie entstanden wenige Monate vor Schuberts frühem Tod im Jahr 1828, wurden aber erst vierzig Jahre später veröffentlicht, ein dreifacher besonderer Nachlass-Schatz, der im Charakter den durchaus populär gewordenen "Impromptus" gleicht. Afanassiev rückte die beinahe ohne erkennbaren Hiatus aneinander gereihten Stücke in frühromantische Sphären, schälte sie aus der Wiener Klassik mit hörbarem Impetus weit ausladender Gefühligkeit heraus und ließ das Publikum dann ganz rasch mit seinen je eigenem "Nachhall" des nach einer Dreiviertelstunde Verklungenen allein. Der Mann ist derart jenseits aller Künstler-Allüren, dass er es bei einer knappen, noch immer in sich gekehrten Verbeugung belässt und durch die rückwärtige, hinter dem Flügel während seines hochkonzentrierten Spiels einen großen Spalt offenstehenden Tür wie ein Gespenst verschwindet. In der Pause verbreitet sich allmählich die Kunde von einer plötzlich aufgetretenen Unpässlichkeit des Künstlers. Nachtstücke-Initiator Michael Frohnmeyer, so wird gemunkelt, spiele vermutlich weiter, könne es jedenfalls, wenn alle Stricke reißen sollten, so dass der zweite Teil wohl außer Gefahr stünde, nicht programmgemäß abzulaufen. Zu erwarten waren Felix Mendelssohn Bartholdys "Lieder ohne Worte" - eine Folge von acht Kompositionen, die Schuberts Impromptus weiter in die Romantik hinein gebracht und noch melodiöser und lyrischer ausgesehen hätten. Doch Afanassiev entschied, keine Lieder ohne Worte zu singen, sondern einen ganz anderen Abgesang des Abends - und damit der 9. "Nachtstücke" zu wählen: mit Mazurken und Walzern seines ihm ans Herz gewachsenen Frédéric Chopin und mit zwei diese tänzerischen Stücke in besonnenere Gefilde übergehen zu lassen, wie sie nur Johannes Brahms hervorbringen konnte. Man bangte ein wenig um den bedauerlicherweise gesundheitlich angeschlagenen Star-Gast, der sich jedoch nach getaner Arbeit erstaunlich heiter und erholt zeigte, eine bemerkenswert ausgelotete Zugabe riskierte und sich für den ihm herzlich entgegenschlagenden Applaus mit mehreren Verbeugungen bedankte. Nicht immer läuft alles wie vorgesehen. Afanassiev hatte den diesjährigen "Nachtstücken" Klaviermusik von Edvard Grieg bieten wollen, rückte dann aber von diesem ersten Vorhaben ab, das er durch Schubert und Mendelssohn ersetzte, um bei Chopin und Brahms zu landen. Kein Schaden, wenngleich schade. Denn sowohl Grieg als auch die "Lieder ohne Worte" sind Seltenheiten. Eine Rarität wäre auch gewesen, die Muttertags-Maiandacht, wie geplant, im neu gestalteten, von einer noch in voller Blüte stehenden Japanischen Kirsche geschmückten Marienhof des Klosters St. Josef zu halten. Das feuchte Wetter zwang die aus der Nähe von Schrobenhausen eingetroffenen, auf dem Weg nach Altötting in Zangberg Halt machenden Wallfahrer, den Segen Mariens in der Klosterkapelle zu ersingen: mit Liedern, die ohne Worte nicht zu denken sind. Die frommen Pilger hätten noch gut in den Ahnensaal gepasst und sich mit Valery Afanassievs virtuos gebotenen allerletzten "Nachtstücken" in den Traum schaukeln lassen können.

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