Freuet euch der Freude

Von Hans Gärtner

Die Preise purzelten die letzten zwei Jahrzehnte nur so über sie herein: Sofia Gubaidulina (81), die wohl bekannteste lebende russische Komponistin. Sie stand mit ihrem Werk "Freue dich!", einer Sonate für Violine und Violoncello, an erster Stelle des Programms eines außerordentlichen Kammermusikabends. Michael Frohnmeyer hatte das Glück, ihn vom, wie ursprünglich geplant, Schloss Schwindegg ins soeben fertig renovierte Bürgerhaus (Ursprung: 1604) verlegen zu können.

Die ebenso gesellschaftlich feine wie transparente Atmosphäre des Obergeschosses passte fabelhaft zu den beiden von Michael Frohnmeyer ausgesuchten Werken des Abends. Auf Gubaidulinas Sonate folgte, nach einer ausgedehnten Pause, das "Quatuor pour la fin du temps" von Olivier Messiaen, dessen 20. Todesjahres heuer gedacht wird.

Der mit weiß getünchten Wänden, hellen Holzsäulen, altem, dunklem Gebälk und einer fast deckenhohen Glastrennwand eine zugleich traditionelle wie moderne Aura verströmende Saal lässt durch hohe südseitige Fenster auf das Renaissance-Schloss blicken. Auch wenn der Abend zusehends kühler wurde, empfand man es als anheimelnd, sich gerade dem "Freude"-Sonatenwerk der tief religiösen Sofia Gubaidulina für eine gute halbe Stunde hingeben zu können.

Ulrich Isfort und Friedrich Gauwerky hoben virtuos und leidenschaftlich die fünf Sätze - der zweite ist, wie alle weiteren, in biblischem Duktus mit "Freuet euch der Freude" überschrieben - auf ein Niveau, das so schnell wohl von keinem vergleichbaren Duo erreicht wird. Beide Profis hinterließen den Eindruck, schon immer und mindestens jeden zweiten Tag miteinander zu musizieren.

Von ähnlich tiefer Frömmigkeit getragen: das Messiaen-Quartett, das mit seinen acht Sätzen die Zuhörenden nach der Pause bis zum (Zugabe-losen) Schluss schwer beschäftigte. Wer Messiaen noch nie hörte, tat sich vermutlich nicht leicht, sein weltvergessenes, jenseitsdeutendes Irisieren zwischen Schöpfungsglaube und Gottesfurcht, Liebe zu den Gefiederten der Luft und Engelsvertrauen mit den vier Musikern innerlich zu vollziehen. Da ist viel von Abgründen und Endzeitlichem, von Lob auf die Unsterblichkeit und ewiger Herrschaft Jesu Christi die Rede - in einer musikalischen Sprache, die sich ganz von den Texten her leiten lässt. Zu Ulrich Isfort (Violine) und Friedrich Gauwerky (Violoncello) gesellte sich nun - kompetent begleitet von Michael Frohnmeyer - der Ausnahme-Klarinettist Eduard Brunner. Er nahm, als superber Könner, Messiaens selige Höhenflüge und bis ins Burleske geführten Vogelimitationen quasi beim Wort und schenkte dem Werk einen unverwechselbaren Anstrich.

Die nicht hoch genug zu lobende Gemeinde Schwindegg, die mit Sanierung und Umbau der ehemaligen Schloss-Schänke zum Bürgerhaus ein architektonisches Kleinod zum Leben erweckte, sollte möglichst rasch ein tragfähiges Konzept für den - auch akustisch - respektablen Bürgersaal entwickeln. Einen bleibenden Platz sollte darin die Kammermusik erhalten, auch - oder gerade - wenn sie von so extrem hohem Anspruch ist wie das Konzert im Rahmen des achten "Nachtstücke"-Musikfestes.

Wie mit Genugtuung festzustellen war, ließ sich das Publikum auf die zeitgenössischen Werke ein, die ihnen von hochkarätigen Künstlern geboten wurden. In der Tat erlebte es, wie "Nachtstücke"-Initiator Michael Frohnmeyer sagte, "subtile Klänge, die ins Unendliche" führten und auf wunderbare Weise den "Übergang in eine andere Wirklichkeit" - sowohl in dem "Freuden"-Hymnus der Sofia Gubaidulina als auch in den brillant gespielten "Louanges" bei Olivier Messiaen - erlebbar machten.

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