Keine kleine Nachtmusik

Leuchtender Abschluss des ersten Nachtstücke-Musikfestes

Von Hans Gärtner

Keine «Kleine Nachtmusik». Nichts Nettes, unbeschwert-heiter Verspieltes. Mozarts «Kleine Nachtmusik» fehlte beim ersten Musikfest im Landkreis Mühldorf, das sich «Nachtstücke» nennt, ganz. Stattdessen: Düsteres Traumhaftes, Melancholisches. Im schummrig erleuchteten Ahnensaal von Zangberg ereignete sich, wenn man so will, große Nachtmusik.

Im Grunde nur von Brahms. Vom deutschen Johannes (1833 – 1897) und vom französischen, wie der in Lüttich 1822 geborene César Franck, sieben Jahre vor Johannes Brahms gestorben, genannt wird. Nicht von ungefähr. Das Schwärmerische, Inbrünstige, die Klassikverwandtschaft und die Neigung zu kunstvoll Polyphonem – dies alles verbindet die beiden Brahms, den Hamburger – Wiener wie den Deutsch – Wallonen.

Die beiden Instrumentalisten, die das letzte der drei «Nachtstücke» - Konzerte allein bestritten, zählen zu den Begnadeten, Begabten, Berückenden ihrer Kunst: der deutsche Pianist und «Nachtstücke» - Initiator Michael Frohnmeyer und sein häufiger Podiumspartner, der russische Geiger Karen Aroutiounian, der am Königlichen Konservatorium von Francks Geburtsort unterrichtet, wo sich zwei Künstler als Lehrer begegneten.

Frohnmeyer, in Schwindegg beheimatet, ist der Region nun endlich zum Begriff geworden: ein auf der Höhe seines Könnens angelangter, im Ausland Loorbeeren erspielter Vierzigjähriger, der sein Instrument von Innen heraus zum Klingen bringt. Michael Frohnmeyer war dieses- mal «nur» exzellenter, zupackender, vollmundiger Begleiter. Den Füh- rungspart überließ er – den ausgewählten Werken angemessen – dem aller Routiniertheit fernen Karen Aroutiounian. Bei Brahms dritter Sonate d-moll setzte er dem Nächtlich - Traumwandlerischen hellwach haltenden Sternenglanz auf. Sein Instrument, virtuos beherrscht und von berückender Sonorität, bannte das Publikum ins Zwischenreich des Somnabulen. Verhaltener Ausklang des Adagio-Satzes. Hörbare Seufzer, widerständliche Bekräftigungen der Violine. Dazu, ein wenig dreist, scherzo-hafte Unterfütterung. Unleugbare Aufschreie der durch kunst- volle Doppelgriffe beinahe überstrapazierten Geige. Kein Wunder, dass eine Seite des Bogens riss.

Erst recht die noch Geheimnisvollere, wenngleich weitaus melodischere A-Dur-Sonate von César Franck. Geradezu Orgiastisches zogen die beiden Künstler aus ihr, bei hoher Konzentriertheit, heraus, von sanften Passagen abgemildert und – was nicht leicht gelingen mochte – freskant unterkühlt. Jetzt durfte sich das Klavier ausagieren und die Vehemenz, mit der das sichtlich eingespielte Duo ans Werk ging, machte manchmal – Nacht wird’s – regelrecht frösteln. Wie gut, dass die drei Zugaben – im Zentrum ein keck auflodernder Brahms’scher Ungarischer Tanz – alles bisher allzu Depressive, alle unerfüllte Sehnsucht, die aus beiden Hauptstücken sprach, vergessen ließen.

Es kam, abgesehen von vehementem Zwischenapplaus zu «Bravos», beinah schon zu «standing ovations». So strahlend hell leuchtete der auf halbdunkel gedimmte «Nachtstücke» - Prachtsaal Zangbergs schon lange nicht mehr.

<< zum vorherigen Artikel zur Übersicht zum nächsten Artikel >>

Presse