Auftakt mit Paukenschlag

von Aljoscha Leonhardt

Der Name könnte nicht besser gewählt sein. Noch ehe das anfänglich so unschuldige, muntere Allegretto, das das Konzert eröffnet, sein zwielichtiges, spöttisches Ende findet, ist klar: Wenige Werke verdienen die Bezeichnung «Nachtstück» so sehr wie dieses Streichquartett. Bereits zum vierten Mal bietet das Musikfest «Nachtstücke» im Ambiente des Klosters Zangberg ein Forum für hochkarätige Kammermusik, und auch der diesjährige Auftakt gerät versiert, spannend, mitunter gar berauschend. Pianist und Veranstalter Michael Frohnmeyer und das französische Danel-Quartett setzen auf ein forderndes, kontrastreiches Programm und beeindrucken so auf beinahe ganzer Linie.

Dmitri Schostakowitschs drittes Streichquartett in F-Dur, entstanden im Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ist offenkundig ein Portrait unermesslichen Schreckens. Schon im ersten, eingangs erwähnten Satz mischen sich dunkle Zwischentöne unter das heitere Geschehen, rasch verliert das Thema seine ursprüngliche Unbeschwertheit, und nach und nach wandelt sich das Geschehen zur Farce. Geschickt knüpft das Moderato an den bedrohlichen Subtext an, baut die Spannung weiter auf und kulminiert schließlich in einem völlig schrankenlosen, sarkastischen, höhnischen Allegro.

Die vier Musiker des Danel-Quartetts fangen die diffizile Dramaturgie des Werks mit schier unglaublicher Kunstfertigkeit ein und konstruieren einen Spannungsbogen, der bis zum sanften, bitteren Ausklang den Atem raubt. Verspielt, nicht verkopft, präzise im Ausdruck, aber nichtsdestoweniger kraftvoll und forsch tänzelt das Quartett durch die Themenwechsel der Einleitung, meistert die darauf folgenden Subtilitäten mit ungemein feinem Gespür für Farben und Texturen und schafft mühelos ein irrsinnig kohärentes, kompaktes, zwingendes Klangbild.

Die besondere Qualität dieser Interpretation wird spätestens im dritten Satz, mit «Entfesselte Kräfte des Krieges» betitelt, deutlich: Im Zentrum steht hier nicht zurückhaltende Analyse, sondern pure Intensität. Das Quartett sucht den direkten Weg zum Zuhörer, meidet nie den Exzess und entlockt dem Werk so eine Form von Innigkeit, Emotionalität und Dichte, die ihresgleichen sucht. Primarius Marc Danel steht die aufrichtige, höchst erfrischende Leidenschaft ins schweißgebadete Gesicht geschrieben - und so eröffnet das Quartett die «Nachtstücke» mit einem Paukenschlag.

Doch was Schostakowitsch beflügelt, wirkt bei Johannes Brahms Klavierquintett in f-Moll mitunter deplatziert. Natürlich agiert das Ensemble, nun ergänzt um Frohnmeyer, auf höchstem Niveau: Die perlenden Läufe des ersten Satzes, die makellos koordinierte Unisono-Eskapaden des zweiten und kleine Wunderwerke wie die strahlenden, hochdramatischen Sequenzen der finalen Coda wissen zu erstaunen, und gerade das Klavierspiel Frohnmeyers ist ob seiner Transparenz und Eleganz über jeden Zweifel erhaben. Die überbordende Intensität allerdings, welche die erste Programmhälfte in ungeahnte Höhen transportierte, erscheint hier oft aufgesetzt und schal.

Es verwundert aber, ganz ungeachtet marginaler Mängel, kaum, dass das Publikum hingerissenen Applaus spendet für diesen furiosen Auftakts.

Ohne Licht und Wärme kein Leben. Ohne hohe Kunst kein Atmen.

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