Zwei große Klaviersonaten

Von Marion Birken

Franz Schuberts letzte große Klaviersonate B-Dur D.960 gilt als eine Art musikalisches Vermächtnis des mit 31 Jahren jung verstorbenen Meisters. Schon im ersten Satz Molto moderato breitet sich eine gewisse Unruhe und Zerrissenheit aus, es fehlt der bei Schubert gewohnte breite melodiöse Bogen.

Ansätze dafür werden unerwartet von einem dunkel gefärbten Triller gestört, der sich im weiteren Verlauf bis zur fast brutalen Härte steigert, vom Pianisten des Abends kongenial umgesetzt.Michael Frohnmeyer zeigte bei seinem Solokonzert im Rahmen des vierten Musikfests «Nachtstücke» im Ahnensaal des Klosters Zangberg vorbildliches Einfühlungsvermögen in Franz Schuberts Klaviermusik. So vermittelte er auch die stille Wehmut des Andante sostenuto, schwenkte getreu dem Notenbild in vermeintliche Heiterkeit des Scherzo und des finalen Allegro ma non troppo ein, und ließ die Zuhörer untrüglich spüren, dass es sich dabei um einen Abschiedsgesang handelt, in für Schubert typischen Gemütsschwankungen.

Svjatoslav Richter, einer der berühmtesten und besten Interpreten der Klaviermusik von Sergej Prokofieff, schrieb über die Sonate Nr.8 B-Dur op.84: «Von allen Sonaten Prokofjeffs ist sie die reichste. Sie enthält ein ganzes Menschenleben mit all seinen Widersprüchlichkeiten. Zeitweise erstarrt es in ihr, als lausche man auf den unerbittlichen Lauf der Zeit. Sie ist ein bisschen schwer zu verstehen, aber durch ihren Reichtum wie ein Baum, dessen Zweige die Last der Früchte zu tragen haben.»

Michael Frohnmeyer erfasste diesen Grundgedanken intuitiv und setzte ihn in einer Art und Weise um, die ihresgleichen sucht. Fern von aller bei Prokofieff gewohnten Schroffheit und motorischen Rhythmik, offenbart der erste Satz «Andante dolce» lyrischen Charakter, auch wenn sich die Dynamik in wuchtigen Passagen bis zum ff steigert, danach allerdings wieder bis zum pp zurückgeht. Das folgende «Andante sognando» in der Gestalt eines leichten und innigen Menuetts wirkt wie eine Ruhepause zum dritten Satz Vivace, der erfüllt ist von unbändiger Lebensfreude, die auch in mächtigen Akkorden und in technischen Raffinements bis hin zu Glockenimitationen in der Schlusskulmination zum Ausdruck kommt.

Michael Frohnmeyers Interpretation war überwältigend in ihrer makellosen, frappierenden technischen Perfektion und in der musikalischen Gestaltung. Lang anhaltender, stürmischer Applaus war der Dank an einen großen, im Auftreten sympathisch bescheidenen Künstler.

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