Traum und Trauma

Von Aljoscha Leonhardt

Ein, zwei Takte lang wirkt der Pianist überrascht - als könne selbst er den Akkorden, die sich nach und nach herauskristallisieren, nur andächtig lauschen. Immer schärfer werden die Konturen, immer klarer schimmert die Architektur des Satzes durch das harmonische Dickicht. Winzige Tonbausteine kondensieren zu einer wehmütigen Melodie, im Schatten lauern sanft mahnende Dissonanzen.

Pianist Michael Frohnmeyer stellt dem Auftakt zum mittlerweile sechsten "Nachtstücke"-Festival im Ahnensaal des Klosters Zangberg Schumanns frühen Zyklus "Fantasiestücke" voran und macht schon in diesen wenigen Momenten absolut deutlich, was den Abend ausmacht: nämlich nicht weniger als formvollendete Musikalität, tief schürfend durchdringende Interpretation und erschütternd leidenschaftliche Hingabe an ein musikalisches Idiom, bei dem sich die Extreme so schmerzhaft nahe sind. Dass Frohnmeyer die Virtuosen Schumann und Brahms noch dazu mit annähernd makelloser Technik zeichnet, bleibt da fast nur Fußnote.

Der melancholischen Innigkeit des ersten Satzes der Fantasiestücke, "Des Abends", folgt - abrupt, schneidend - das stürmende und drängende "Aufschwung". Unversöhnlich, unter der Last der Achtel ächzend, wettert die linke Hand gegen die verspielten Figuren der rechten und Frohnmeyer hastet dem Höhepunkt leichtfüßig, womöglich eine Nuance zu rasch entgegen, den musikalischen Bogen etwas vernachlässigend.

In "Warum?" entlockt Frohnmeyer den sorgsam platzierten Sekundintervallen unerhört eindringliches Lechzen nach Antwort. Leider lässt der dritte Satz in Teilen den kompromisslosen Strukturwillen vermissen, der Frohnmeyers Spiel gewöhnlich auszeichnet; kurz machen sich eine gewisse Diffusität und Ziellosigkeit breit. Doch ungemein brillante Oktavarbeit, das raffinierte Versteckspiel sich überschlagender Figuren in "Traumes Wirren" und die meisterhaft eingefädelte Rückbesinnung auf die anfängliche träumerische Eleganz in der abschließenden Coda demonstrieren die musikalische wie technische Gestaltungsmacht dieses Pianisten.

Mit Schumanns neunteiligen "Waldszenen" zelebriert Frohnmeyer seine Fähigkeit, Stimmungen nach Belieben zu schaffen und zu manipulieren. Von der unergründlichen Zärtlichkeit des "Eintritts" über die stille, mit fein ziselierter Dynamik erarbeitete Bedrohung in "Verrufene Stelle" hin zu hintergründiger Naivität und nur scheinbar unbedarfter Naturliebe: Der Pianist verwandelt die Sammlung in ein expressives Kaleidoskop romantischer Themen und Motive - subtil, vielschichtig, fesselnd.

Brahms' dritte Klaviersonate in f-Moll ist offenkundig das Werk eines jungen Mannes: aufbrausend stürmisch im monumentalen Kopfsatz, ausufernd tief empfunden und traumatisiert im umwerfenden langsamen Satz, neckisch und übermütig im Scherzo und zum Schluss in ein unverschämt technisches Schaulaufen mündend.

Mit allem Ernst und Furor der Welt stürzt sich Frohnmeyer in das eröffnende, als "maestoso" deklarierte Allegro und erlaubt von der ersten Sekunde an keinerlei schützende Distanz. Im überwältigenden Impetus der ersten Akkorde stecken Tragik, Beethovensche Verzweiflung und aufrichtiger Schmerz. Kantig, konturenreich, drastisch deutet Frohnmeyer den Notentext, mit symphonischer Wucht und ohne den Aufprall abzufedern.

Dass der eine oder andere Ton dabei auf der Strecke bleibt, scheint da beinahe folgerichtig. Doch auch im dunkel-romantischen Sturm der Zentralsätze verortet der Musiker Doppelbödigkeit und interpretiert bestechend ungekünstelt.

Wäre da nicht Frohnmeyers sich berauschend auftürmendes und so tief fallendes Andante, man müsste die aberwitzig inszenierten, alptraumhaften Sequenzen des Intermezzos, durch das - gleich einem bösen Geist - Beethovens Schicksalsmotiv spukt, zum eigentlichen atmosphärischen Höhepunkt des Abends erklären.

Frohnmeyer antwortet auf die anhaltenden Ovationen nicht mit einem virtuosen Schaustück, sondern beweist mit Schumanns "Der Dichter spricht" aus den "Kinderszenen" untrügliches Gespür für die eigentliche Stärke des Abends. Präziser als diese stille, schlichte Miniatur trifft nur wenig den innersten Kern der Romantik. Präziser als Frohnmeyer ebenso.

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