Ein Platz neben Mozart

Von Markus Honervogt

Im Mozartjahr darf die Besprechung eines Konzertabends getrost mit einem Zitat des Komponisten beginnen : « Das Es-Dur-Quintett ist das Beste, was ich in meinem Leben geschrieben habe », teilte der Komponist am 10. April 1784 seinem Vater emphatisch mit. Wer die Briefliteratur des Wolferl kennt, kann sich allerdings nicht sicher sein, ob Mozart mit diesem pauschalen Selbstlob seinen damals größten Kritiker beruhigen wollte, oder ob er sich tatsächlich auf dem Höhepunkt seiner bisherigen Komponierkunst wähnte. Dem Wolferl wäre beides zuzutrauen. Fest steht dagegen, dass mit Mozarts anmutigen Stück für Klavier, Oboe, Klarinette, Horn und Fagott ein Werk die « Nachtstücke 2006 » beendete, dessen « Feinheit des Gefühls » Alfred Einstein einst Jubeln ließ.

Genau wie die etwa 100 Zuhörer im Ahnensaal des Klosters Zangberg, die zu diesem außergewöhnlichen Musikabend gekommen waren und mit den « Nachtstücken » sehr bald in eine nächtliche Gegenwelt eintauchten. Der Barock des Ahnensaals, das allmählich schwindende Licht vor den Fenstern, der erste kraftvolle Akkord der Bläser im eingangs gespielten Beethoven- Quintett in Es-Dur (op. 16) die anfänglich fast schweren Klänge des Klaviers und die zunehmende Leichtigkeit der Interpretation entzogen den Besucher dem Alltag. Während sich das « Ensemble Berlin » selbstbewusst, fast mozart- isch, dem Beethoven näherte, verschwanden die Konturen der Außenwelt. Dabei arbeiteten die fünf Mitglieder des Berliner Philharmonischen Orchesters, die mit anderen Musikern in wechselnden Besetzungen auftreten, die Nuancen der Musik Beethovens klar heraus. Im zweiten Satz boten sie den Zuhörern einen filigranen Dialog, der schließlich in nächtlicher Harmonie verklang, bevor das Quintett nach rasendem Auftakt durch das Klavier befreit und fröhlich durch das Rondo des dritten Satzes strebte. Herausragend : Franz Draxinger, Horn.

Ludwig van Beethovens und Wolfgang Amadeus Mozarts Quintette (KV 452) werden nicht nur im Mozartjahr häufig und im selben Konzert aufgeführt. Ob dieser Übermacht feinster klassischer Kammermusik schien das moderne Divertissement von Jean Françaix (1912-1997) für Oboe, Klarinette und Fagott unterzugehen. Und doch erstrahlte es eingebettet in die populären Stücke als Perle. Michael Frohnmeyer, Pianist, Ideengeber und Impressario der « Nachtstücke » nannte das Divertissement die Endeckung des Abends, die Zuhörer feierten das « Ensemble Berlin » nach dem letzten Ton und schon zur Pause mit Klatschen und trampeln. Christoph Hartmann (Oboe), Günther Forstmaier (Klarinette) und Marion Reinhard (Fagott) inzenierten das in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ent- standene Werk wie ein Tag im Leben des Menschen, der sucht, läuft, geht, schlen- dert, flieht und - die Überraschung im Gesicht der Fagottistin wirkt nicht gestellt: urplötzlich verharrt. Es folgt die Ruhe der Nacht, die dem Menschen zunächst Erholung schenkt, ihn doch schon bald in die Vitalität des neuen Tages entlässt.

Mit ungeheurer Präzision und Schnelligkeit, mit schauspielerischem Talent (die Kammermusiker spielten stehend) und überwältigender Spielfreude erhöhten Hartmann, Forstmaier und Reinhard den französischen Komponisten und Pianisten und gaben ihm im Ahnensaal seinen Platz zwischen Mozart und Beethoven. Er wollte Musik komponieren, die Freude macht, hat Françaix einst erklärt. Eleganz, Erfindungsreichtum und rhythmische Raffinesse, die seinen moderat modernen Werken innewohnt fand eine Freude verbreitende, fröhlich stimmende Interpretation. Wie unwirklich erschien dagegen beim Pausenbummel im großzügigen Klostergarten das Geräusch eines vorbei- fahrenden Autos ! So folgte Mozarts Quintett, bei dem auch Hansjakob Staemmler (Klavier) und Draxinger wieder Musizieren durften. Sie verabschiedeten das Publikum aus den « Nachtstücken » mit einer Wiederholung des wunderbaren zweiten Satzes des Mozartquintetts als Zugabe, in der mozartschen Eigenloblogik sicherlich das Beste vom Bestem, das er je geschrieben hat.

Obwohl Vorsicht beim Umgang mit Superlativen auch nach diesem wundervollen Abend geboten ist : Mit den « Nachtstücken » - heuer zum zweitenMal – etabliert sich hoffentlich ein ganz besonderes Musikfest mit hervorragenden Künstlern, die mit Ausnahme Frohnmeyers – nicht aus der Region stammen. Dazu ein Programm, das nicht nur Tophits präsentiert, sondern sich durch Originalität von vielem abhebt (dank Françaix am letzen Abend, zwei Wochen zuvor durch Frohnmeyers außergewöhnliches Klavierprogramm am gleichen Ort mit Schumann, Brahms, Webern und Schostakowitsch). Nach Anlaufschwierigkeiten und Verwerfungen des vergangenen Jahres sollten alle Klassikfreunde erkennen, welches Kleinod dank des Engagements Frohnmeyers entstanden ist. Es wäre wünschenswert, dass die übrigen Organisatoren klassischer Konzerte (und ihr Publikum) die « Nachtstücke » wahrnähmen. Denn die nächtlichen Gegenwelten in der Zangberger Qualität gehören zum Feinsten, was der Landkreis Musikfreunden zu bieten hat.

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