Lieber rot als tot

Von Hans Gärtner

Ein klasse Raum. Groß wie ein Klassenzimmer. Ein Barocksaal. Stuck an Wänden und Decke. Hohe eichene Holztüren. Neu gelegter Parkettboden. An der Schmalseite mit Bogenfenster in den grün herein schimmernden Garten: links ein Flügel, Marke "Steinway & Sons", rechts, von einem hochbeinigen Scheinwerfer beleuchtet, ein ausladender, rötlich ausgeschlagener Sessel, darüber ein leichter Hausmantel, davor ein Tischchen mit zwei Flaschen und zugehörigen Gläsern - Moskauer Wodka und Rotwein, Marke Petrus, Jahrgang - egal, jedenfalls kein Heuriger.

Der große russische Allround-Künstler Valery Afanassiev (64) beim Gastspiel in Schloss Schwindegg: im Salonsessel, um sich gleich in den Komponisten Mussorgski zu verwandeln. Foto gär Auf diese ungewöhnliche "Bühne" schauen, in Reihe 1 auf bequemen Sofas, weiter nach hinten auf einfachem Gestühl sitzend, die Zuschauer. Sie erwarten einen Künstler von außergewöhnlichem Format, Valery Afanassiev, Jahrgang 1947, und können es erst glauben, dass er, der große Afanassiev, leibhaftig vor sie tritt, im schwarz-legeren Outfit und einem verschmitzten Lächeln.

Er hat sich also tatsächlich ins Renaissance-Schloss von Schwindegg bequemt, um hier einen Abend zu bestreiten, den der von ihm stark beeinflusste, mit ihm befreundete künstlerische Leiter des Musikfestes im Landkreis Mühldorf, "Nachtstücke" genannt, unter das Thema "Musiktheater" gestellt hatte. Es werden atemberaubende anderthalb Stunden, die Afanassiev im Alleingang gestaltet, als Darsteller seines eigenen Stückes zu Modest Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung", als Sprecher seines selbst kreierten Textes (in wunderbar verständlichem Deutsch, wohlwissend, dass er auch in weiteren drei Sprachen möglich wäre) und als Pianist und kraftvoll in die Tasten greifender Interpret der Klavier-Suite des russischen Außenseiters, die dieser in einem riesigen Schaffensrausch im Juni 1874 vollendete. Als Pianist, in aller Welt gefeiert, tauscht Afanassiev während des Abends mehrmals seine Rolle mit dem Komponisten, der er immer dann ist, wenn er sich den Hausmantel anzieht: weltabgewandt, eigenbrötlerisch, mürrisch, fast widerwillig, diskursiv nachdenklich, pessimistisch. Schuld dran mag der Konsum von Wodka sein, der mit dem Roten aus der kostbaren alten Flasche konkurriert.

"Lieber rot als tot" - solche Sätze kombiniert Afanassiev, ein Supertalent und Allroundkünstler der Extraklasse, mit Gedanken über die Macht der Massen, über Meisterwerke, die für den Einfluss der Zeit offen zu halten seien, den Individualismus des Künstlers, den Sinn der Menschheitsgeschichte, die ihm gepflastert erscheint mit den Knochen der "unzähligen Opfer menschlicher Grausamkeiten", ähnlich dem sumpfigen Untergrund, auf dem St. Petersburg errichtet wurde. Erschütternd sind lapidare Aussagen wie die über unsere Kinder, die auf Friedhöfen lachen und spielen.

Afanassievs Ideenpassagen sind inspiriert von Mussorgskis Komposition zu zehn Bildern seines 1873 verstorbenen Freundes, des Architekten und Malers Viktor Hartmann - dem Klavierwerk, das wie kaum ein anderes die unterschiedlichsten Bearbeitungen erfuhr: für großes oder Blasorchester, für Rockband, Synthesizer, Orgel, Gitarre, chinesische Instrumente, 1993 sogar für 44 Pianisten, die an ebenso vielen Flügeln und einem präparierten Klavier sitzen. Afanassievs "Bilder einer Ausstellung"-Version kommt nun hinzu - als eigenwillige Philosophier-Performance eines Skeptikers.

Abgehoben, jedoch keineswegs snobistisch: das Ambiente hierfür. Im märchenhaft parkgesäumten Wasserschloss von Schwindegg mit dem bravourös restaurierten Arkaden-Innenhof und den umliegenden Eigentumswohnungen begegnete man einer Kunst-Koryphäe, die durch pianistischen Glanz ebenso faszinierte wie sie, vielleicht, durch die kultur- und weltgeschichtspessimistische Sicht des "Status quo" mag erschrocken haben.

Schwierig und daher nicht ohne Vorkenntnisse nachvollziehbar: die inhaltlich verschlossen gebliebenen Stücke, die mit der mehrmals wiederholten "Promenade" sich zu einer facettenreichen Kette reihten - vom verwachsenen Gnomen über das marktschreierische Geschehen in Limoges, den wilden Hexenritt der Baba Jaga, die skurrilen Juden im Disput oder den wirbeligen Tanz noch nicht ausgeschlüpfter Küken.

An den Wänden des Barocksaals hingen Arbeiten der im Schloss Schwindegg lebenden Künstlerin Parisicilia. Immer wieder mögen sie während des Konzerts den Blick des Zuschauers auf sich gezogen haben. Eine Verständnishilfe wäre gewesen, diese Malereien zu ergänzen durch das Bild, von dem Afanassievs Denkreise in die Menschheitsgeschichte ausging: das berühmt-berüchtigte Mussorgski-Porträt des großen russischen Malers Ilya Repin. Es zeigt den Komponisten im Morgenmantel, mit wirrem Haar und stark geröteter Nase. Lieber rot als tot. Also doch ein Ja zum Leben, auch wenn es noch so "beschissen" sein mag?

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