Klassik für ein junges Publikum

Waldkraiburg - Plötzlich steht er "höchstpersönlich" vor den Kindern: Joseph Haydn, der Komponist, der das Streichquartett erfunden hat.

Franz Reineke, zweite Violine des renommierten Vogler Quartetts, hat sich eine Perücke über den Kopf gezogen und steigt von der Bühne. Nur selten kommt klassische Musik einem jungen Publikum so nah...

Und wie kommt ein Komponist zu seiner Musik, Haydn zum Beispiel auf sein Reiterquartett? Ein Stück, das klingt, als würden Tim Vogler (erste Violine), Franz Reineke, Stefan Fehlandt (Bratsche) und Stephan Forck (Cello) eine Herde Pferde mitten durch das Haus der Kultur treiben? Hat sich der berühmte Musiker von der Natur inspirieren lassen? Einem Komponisten geht es jedenfalls fast wie einem Schüler, der einen Aufsatz schreiben soll und vor einem leeren Blatt sitzt, meint einer der Musiker.

Klassische Musik muss nicht unnahbar und altmodisch sein. Das beweist das Quartett, das als eines der besten deutschen Ensembles gilt und in den großen Konzertsälen der Welt zu Hause ist, mit diesem Kinderkonzert in der Reihe der "Nachtstücke" im kleinen Saal im Haus der Kultur. Leger gekleidet, in Jeans, Hemden und Polo-Shirts waren die Musiker vor ihr Publikum getreten: rund 150 Kinder, Dritt- und Viertklässler der Grundschule in Schwindegg und Schüler der 6. Klassen des Gymnasiums Waldkraiburg. Streichquartett statt Schulaufsatz - keine schlechte Alternative.

Die Künstler erzählen von ihrem Leben als Berufsmusiker, mit täglich vier Stunden Probenarbeit, "im Durchschnitt", wie Stephan Forck betont. Oft dauert es länger. Sie stellen ihre Instrumente vor: Tim Voglers Geige, die 1748 in Italien gebaut wurde, das Cello, das gar aus dem 17. Jahrhundert stammt. Auf den Konzertreisen brauche das Ensemble stets ein fünftes Flugticket für dieses wertvolle Instrument. "Es wäre viel zu gefährlich, es in den Frachtraum zu geben."

So routiniert wie engagiert führen die Musiker ihre jungen Zuhörer durch die Geschichte des Streichquartetts, von Haydn über Beethoven, Dvorak, Strawinsky bis herauf zu Zeitgenossen wie Wolfgang Rihm und Krzysztof Penderecki, "der die Leute schockieren und erschrecken wollte". Sie zeigen, welche "verrückten Töne" sich aus einem Streichinstrument herausholen lassen, klopfen, hämmern mit dem Bogen auf die Saiten... Ist das noch Musik? Die Meinung im Publikum ist geteilt. "Aber man kann nicht immer nur schön komponieren. Manchmal bin ich auch traurig und wütend", sagt dazu Stephan Forck.

Seit fast einem Vierteljahrhundert spielt das Vogler Quartett in dieser Besetzung zusammen, seit mehreren Jahren macht es sich etwa durch Veranstaltungen wie die nordhessischen Kindermusiktage ebenso im Bereich der Musikpädagogik einen Namen. Auch im Haus der Kultur erweisen sie sich als ideale Besetzung im Sinne des Anliegens, das Michael Frohnmeyer verfolgt. Der Pianist und Veranstalter der "Nachtstücke"-Reihe will eine Brücke schlagen zwischen der klassischen Musik und dem jungen Publikum und die Begegnungen gerne auch über diese Reihe hinaus weiterentwickeln. "Man muss auf die Schüler zugehen. Die Musik darf nicht als etwas Bedrohliches empfunden werden. Wir wollen die Herzen erreichen."

Eine Stunde Klassik - die Unruhe im Saal wird größer. Nicht nur Komponieren kann anstrengend sein, auch Zuhören. Vereinzelte Zugabe-Rufe nach einem Beethoven-Stück belohnen die Musiker mit einer irischen Polka. Klassik-Konzert zum Mitklatschen...

Am heutigen Mittwoch um 20 Uhr gibt das Vogler-Quartett ein Konzert im Zangberger Ahnensaal. Auch das Reiterquartett ist dann zu hören. hg

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