Gestörte Selbstgespräche

Haydns "Sieben letzte Worte" in Schwindegg: ein am Sprecher gescheitertes Last-Minute-Wagnis

Das Orchester hat Platz genommen, der Chor ist in Position. Die fünf Solisten, zwei Soprane, ein Countertenor, ein Tenor, ein Bass sitzen, alle in Schwarz, aufgereiht vor dem Dirigenten. Dieser hebt den Taktstock. Die "Introduktion" zu Joseph Haydns Spätwerk "Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze", dem legendären Auftragswerk eines Domherrn der Hauptkirche zu Cadiz, kann beginnen: "Maestoso" überschrieb Meister Haydn die Einleitung. Der Dirigent hält sich strikt daran.

Machtvoll erklingt also die Einstimmung auf das markerschütternde Nacherleben des allmählichen, in sieben Etappen erfolgten Hinscheidens des Gekreuzigten. Der voll besetzte Konzertsaal versinkt, in Erwartung eines Sakralereignisses erster Güte, in Betrachtungshaltung. Nein, so war es in Schwindegg nicht. Kann es nicht gewesen sein. Für ein Orchester, einen Chor, für Solisten und ein Dirigentenpult ist der Saal des dortigen Bürgerhauses entschieden zu klein. Der Rahmen wäre schon passend gewesen: Die "Nachtstücke", das heuer in die 9. Runde gehende abgehoben-anspruchsvolle "Musikfest im Landkreis Mühldorf am Inn", vertragen, nein: verlangen geradezu nach dem Außergewöhnlichen. Aber das muss, zumal im Schwindegger Bürgerhaus, in der Tat "im Rahmen" bleiben. Als ob Haydn solche und ähnliche Situationen bereits vor gut zwei Jahrhunderten vorausgeahnt hätte, schuf er noch eigenhändig - im Jahre 1787 - eine reduzierte Fassung seines als Oratorium angelegten immensen tonalen Werkes über Jesu letzte Worte auf Golgatha. Doch selbst diese Version wäre nicht "Nachtstücke"-tauglich gewesen. Musikfest-Initiator Michael Frohnmeyer hatte sich, für ihn als Pianisten ist das nur recht und billig, sozusagen für die Reduktion der Reduktion entschieden: Sein wohlklingender Flügel übernimmt alles: Instrumental- und Vokalstimmen mit Solistenquintett, und der "Flügelschlagende" ist dabei der unmerklich Takt-Schlagende. Frohnmeyer, versiert, farblich differenzierend und in voller Konzentration auf den teils sinnlichen, teils introvertierten Gehalt der Christus-Worte am Kreuz, gibt sich selbst die Impulse. Und er gibt sie so, dass an vielen Stellen des siebenmal zehnminütigen kirchenmusikalischen Ereignis-Werkes aus der schon Romantisches vorwegnehmenden Klassik das Orchestrale und das Sangliche gleichermaßen durchhörbar waren. Mag sein: für das Gros der (leider erschreckend wenigen) Zuhörenden schlussendlich zu wenig sensationell. Im dunklen Raum war ein Mitlesen des in Auszügen abgedruckten Textes von Walter Jens schwer möglich. War auch weder günstig noch nötig. Denn, wie Frohnmeyer erklärte, habe er in einer Art Last-Minute-Action den Schauspieler Michael Sattler gewinnen können, Walter Jens' "Zeitgenössische Betrachtungen zu "Die sieben letzten Worte" live vorzutragen. Also: Worauf sollte sich nun der Zuhörer fokussieren: auf Frohnmeyers Klaviermusik, auf den im Programmheft abgedruckten Jens-Verschnitt oder auf den auf die Schnelle engagierten Sprecher? Dieser machte die ganze Situation nicht einfach. Hätte er - wenn schon, dann aber, bitte, nicht im Freizeithemd und, bitte, nicht wie für ein Erzählstünderl im Eckerl sitzend, sondern, von allen gut sichtbar, stehend - seinen Part so gewichtig, so gelassen und gelöst vorgebracht wie zu der letzten Wort-Stelle "Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist", so wäre man durchaus mit der Wahl Sattlers einverstanden gewesen. Christi Selbstgespräche in seiner ultima hora sind zu bedeutungsschwer, zu dramatisch, zu ernst, auch zu apodiktisch, als dass sie jemand derart beiläufig und passagenweise zu rasant und hudelnd vortragen könnte. Ob der Heilige Schrift-immanente, theologische Text von Luise Rinser nicht geeigneter gewesen wäre als Jens' lehrhaft-mahnend geratener Versuch, die Gräuel des nationalsozialistischen Terrors in seine Betrachtungen zur Vulgata-Überlieferung der eingedeutschten "Sieben Worte" einfließen zu lassen? Die Frage sei ebenso gestattet wie zu sagen: eine rein musikalische wie die von Michael Frohnmeyer unzweifelhaft ehrenwert und künstlerisch brillant geglückte Deutung der bald gebetsartigen, bald anklagenden, hier kummervollen und dort schmerzgebeutelten "Letzten Worte Jesu am Kreuz" wäre angemessener gewesen. Der Sprecher störte nur die Andacht.

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