Aus einer fremden Welt

Von Hans Gärtner

Meisterliches Porträtkonzert bei den Nachtstücken im Haus der Kultur in Waldkraiburg

Wie der Maler in einem Porträt das Kennzeichnende herausarbeitet, erfährt der Komponist im Porträtkonzert eine Charakterisierung seines Schaffens. Wer den Nachtstücke-Abend im Haus der Kultur in Waldkraiburg besuchte, lernte - eine Rarität für sich - eine weibliche Vertreterin der zeitgenössischen Tonschöpferzunft kennen: Keiko Harada, Japanerin des Jahrgangs 1968. Dazu zwei ihrer Meisterinterpreten, nachdem auf den ebenso angesagten dritten, den Akkordeon-Virtuosen Stefan Hussong, wegen anhaltender Luftbrückenprobleme verzichtet werden musste: die Koto-Meisterin Naoko Kikuchi und den Klasse-Cellisten Francois Deppe. Hochrangige Künstler.

Nachtstücke-Initiator Michael Frohnmeyer machte, lächelnd und souverän, das Beste aus der Situation, die Programmänderungen erforderlich machte. Dafür war tatsächlich die Komponistin anwesend. Keiko Harada traf ein wenig später ein, aber sie war da. Welche Ehre. Welch bescheidener Auftritt. Und: Welche Überraschung, dann doch noch eine (von angekündigten drei) Uraufführungen erleben zu können: "Zero Hour II - III", so der rätselhafte, leider nirgendwo näher erklärte Titel des in Bann schlagenden Stückes, das den Schlussstrich unter zwei Stunden exotische Klangwunder zog.

Bei diesem Stück handelt es sich um einen feingesponnenen Klang-Dialog zwischen dem Violoncello und dem (auf dem Podium rechts platzierten) zweiten Koto. Das Koto - für die meisten Anwesenden wohl eine Erstbegegnung mit diesem Musikinstrument - ist eine Art Zither. Sie liegt, aufgebockt, horizontal, breit, ist leicht gewölbt und hat mindestens 13 Saiten, die über unterschiedlich hohe weiße, bewegliche Stege gespannt sind.

Naoko Kikuchi führte, atemberaubend und anmutig, vor, wie das Koto, das auf das chinesische Kin zurückgeht, zu spielen ist. Mit Plektron. Schön und recht. Aber vor allem mit Hingabe, Disziplin und einem Einfühlungsvermögen, das die Handhabung in unmittelbare Nähe einer kultischen Handlung rückte.

Mit "Ahornblüte" war das Eingangs-Stück traditioneller Koto-Musik aus dem 17. Jahrhundert nostalgisch überschrieben. Naoko Kikuchi trug zu ihrer Inerpretation einen weißen Kimono mit golddurchwirktem Gürtel. Vor ihr lagen die Noten auf einem Pult. Die Musikerin blätterte das Heft, freilich in umgekehrter Richtung. Die Ernsthaftigkeit, die Naoko Kikuchis Haltung bestimmte, ihre Versunkenheit in die ganz und gar fernen Klänge, die sie zauberte und denen sie ihre zarte, hauchige Stimme beimischte, ließ den Abend mit Klangmeditation überschreiben.

Ein meditativer Grundzug ist auch den Kompositionen von Keiko Harada eigen. Die in Tokyo lehrende Komponistin schrieb für Koto solo ebenso wie sie eine Reihe Hommages "Nach Bach" komponierte: Hommages an Le Corbusier etwa, an Yumiko Mguri oder "An meine Jugend".

Michael Frohnmeyer am Flügel - ein würdiger Interpret dieser oft eruptiven, in den Stimmungen stark schwankenden, affizierenden kurzen Stücke Haradas - spannte sie ein in Präludium mit Fuge d-moll und Fuge As-Dur für Klavier von Johann Sebastian Bach. Wie nah sich hier das Deutschland des 17. Jahrhunderts und ein Japan des 20./21. Jahrhunderts kamen.

Bei "Labyrinth VIII", einem vor 14 Jahren entstandenen Werk Keiko Haradas, erwies sich Francois Deppe als Ausnahme-Cellist. Nicht das Melodiöse, sondern das oft der Natur abgelauschte Geräuschhaft-Sphärische macht diese in die Kniegeige verlegte Klangsprache aus. Erzeugt wird sie auf dem Cello in üblicher Streich- und Zupfweise. Auf dem Koto vor allem durch das Anstreichen, durch Vibrationen, durch Drüberwegfahren und -wischen, auch Anreißen, manchmal gar unter Zuhilfenahme einer Porzellantasse.

Da werden ein Säuseln und ein Wehklagen vernehmbar, dann wieder ein spukhaftes Stöhnen, ein verhaltenes inneres Aufschreien: Seelenzustände finden ihren Ausdruck, nicht anders als in der Oper, im Musical. Haradas Musik allerdings strömt aus einer Welt, die wir Europäer erst in uns hereinholen müssen. Voraussetzung: Offenheit. Wer sich dem Ungewohnten verschließt, hat schon verspielt. Dem tritt statt Versenkung Anödung entgegen.

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