Ein gewaltiger Anfang

Von Markus Honervogt

Bis an die Grenze der Belastbarkeit von Mensch und Material treibt jene Klaviersonate, die viele für die schwierigste von Ludwig van Beethoven halten : op.106 in B-Dur, genannt « Hammerklavier », eine Sonate, die mit brachialer Gewalt über die Zuhörer im Zangberger Ahnensaal hereinbricht. Wie groß die Herausforderung an das Werk ist, wird deutlich an Michael Frohnmeyer, Konzertpianist und Organisator der « Nachtstücke », der an den Flügel tritt, als gelte es einen Kampf zu bestehen ; der nicht einmal innehält nachdem er Platz genommen hat, als müsse er den Auftakt schnell hinter sich bringen ; der die siebenstimmigen Eröffnungsakkorde dem Publikum entgegenschleidert, hart und schroff und rücksichtslos. Beethovens « Hammerklavier » ist anstrengend, für den Künstler, dem schon nach kurzer Zeit der Schweiß von der Stirn rinnt, aber auch für das Publikum, das sich den Dissonanzen, den Kontrapunkten, der ungeheuren Komplexität eines gewaltigen Musikstückes ausgeliefert sieht.

Frohnmeyer spielt schnell, direkt, sehr akzentuiert und kontrastreich. Die leisen, langsamen Teile gelingen melodiös, bieten kurze Phasen der Entspannung, gefolgt von neuer Angriffslust. Den düsteren Schluss des ersten Satzes kostet Frohnmeyer in seiner ganzen Tiefe aus, genauso wie den wunderbaren dritten Satz, das Adagio, das zu den großartigen Kompositionen Beethovens gehört. Es ist das still schlagende Herz der Hammerklavier –Sonate. Frohnmeyer geht sehr difffernziert mit dem Adagio um, er entwickelt es langsam, hält die Spannung gegenüber der Effekthascherei des übermächtigen Kopfsatzes. Es ist ein gewaltiger Anfang, den die dritten « Nachtstücke » erleben, das « Musikfest im Landkreis », auch wenn die Publikumsresonanz erfreulicher sein könnte. Nur 45 Besucher waren es, die sich in Zangberg auf das Abenteuer Fuge einließen, die heuer im Zentrum der Reihe steht. Natürlich in Beethovens « Hammerklavier », die alles sprengt, was es bis dahin zum Thema Fuge gab ; aber auch mit dem Meister dieser Gattung, Johann Sebastian Bach, und seiner « Kunst der Fuge ».

Zwischen die Großmeister hat Michael Frohnmeyer Arnold Schönberg gestellt, dessen sechs kleine Stücke op. 19 wie eine Perle schimmerten. Fröhlich das erste Stück, suchend das zweite, das dritte melancholisch, verspielt die Nummer vier. Herrisch die 5 und sphärisch die sechs : beim Applaus schmunzelt mancher Besucher, so einfach, so schön kommt Schönberg daher. Die Einfachheit Schönbergs nimmt Frohnmeyer auf als mit zwei einfachen, vierstimmigen Fugen Bachs beginnt. Ein wahres Geschenk an seine Hörer ist der vierte Kontrapunkt, den Frohnmeyer freudig und gelöst präsentiert. Und so laut, so aggressiv, so übermächtig die Nachtstücke begannen, so leise, so öffnend endeten sie. Mit dem letzten Kontrapunkt aus Bachs « Kunst der Fuge », mit jener nicht zu Ende komponierten Tonfolge, dem verklingenden B-A-C-H, über dem – so will es die Legende – Bach starb. Für das Musikfest war es der öffnende Schluss, dem am kommenden Freitag Streichquartette von Beethoven, Prokofjew und ein Klavierquintett von Franck folgen und acht Tage später mit Quartetten von Haydn, Ravel und erneut Beethoven (das C-Dur Razumovsky steht wieder für das Thema Fuge). Es spielen neben Frohnmeyer das Danel Quartett und das Amedeo Modigliani Quartett aus Paris.

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