Erschütternd und trostreich zugleich

Von Marian Birken

Sofia Gubaidulina, 1931 in Rußland geboren, wird allgemein als moderne, subtile und tiefschürfende Komponistin anerkannt. Das ihr gewidmete Porträtkonzert eröffnete das fünfte Musikfest "Nachtstücke" im kleinen Konzertsaal im Waldkraiburger Haus der Kultur.

Unüblich war schon die Anordnung der Sitzreihen vis-a-vis, in der Mitte und auf der Bühne das Podium für die ausführenden Künstler, deren Darbietungen bei Weitem den Rahmen des Üblichen sprengten. Zur Aufführung gelangten ausschließlich Werke von Sofia Gubaidulina.

"De profundis" für Bajan, ein für symphonische Zwecke erweitertes Akkordeon, ließ die Zuhörer erschaudern. Der Meisterinterpret Stefan Hussong zauberte aus seinem gewichtigen Instrument tatsächlich Töne aus der Tiefe der menschlichen Seele, verzweifeltes Aufschreien ebenso wie angsterfülltes Stöhnen und dumpfe Resignation. Dabei handhabte er die erweiterte Klaviatur für die rechte Hand nicht nur traditionell. Bis zu etwa 20 nebeneinander liegende Tasten wurden gleichzeitig zu einem höllischen Getöse gedrückt, Glissandi mit der ganzen Handfläche hin und her produziert. Die linke Hand bediente kunstvoll das Knöpfemanual mit fragmentarisch melodiös aneinandergereihten Bässen und Akkorden. Die gezielt eingesetzte Blasebalgführung bewirkte die entsprechende Dynamik und sogar die betätigte Ventiltaste weckte Assoziationen zur finalen Exspiration.

Als trostreich empfundenes Gegenstück erklang anschließend die Sonate für Violine und Cello "Freue Dich!". Der Geiger Ulrich Isfort und der Cellist Francois Deppe beeindruckten wie zuvor ihr Kollege am Bajan, mit der nicht leicht zu erwerbenden Fähigkeit, das unkonventionelle Notenbild getreu der kompositorischen Absicht umzusetzen. Da wurde viel ungewohnte Klangerzeugung eingesetzt, unter ständigem Wechsel des Standortes, mal vor, mal hinter oder zwischen den Sitzreihen.

"In croce" für Bajan und Cello wechselte wieder zur düsteren Stimmung. Die technischen Anforderungen an die Instrumentalisten waren auch hier enorm, jedoch bravourös bewältigt. Gleiches gilt für das abschließende, versöhnliche "Silenzio" für Bajan, Violine und Cello. Ein logischer, konsequenter Aufbau war in allen Werken des Abends nicht immer erkennbar, doch die überaus seriöse Interpretation ließ den Anschein der Beliebigkeit nicht aufkommen.

Um Kompositionen dieser Art unvoreingenommen auf sich wirken zu lassen, sollte man liebgewonnene Hörgewohnheiten vor dem Konzertsaal ablegen. Das empfangsbereite Publikum war sichtlich bewegt und spendete begeistert üppigen, verdienten Applaus.

Die in herrlicher Bachscher Polyphonie gespielte Zugabe aus der Sonate BWV 527 machte den Unterschied zweier Klangwelten überdeutlich.

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