Kein Abend für Vegetarier

Markus Honervogt

Es dauert eine Weile, sieben oder acht Variationen lang, bevor sich die Musik durchsetzt. Bis dahin, Flüstern und Gekrusche, Schritte auf knackendem Parkett, Stühle knarzen.

Draußen ist es noch hell, der Zangberger Ahnensaal liegt im grauen Dämmerlicht eines zu frühen Abends. Der Abschied vom Draußen gelingt nicht leicht. Die Bereitschaft, sich auf Bachs Goldberg-Variationen einzulassen, muss erst wachsen. Und sie wächst, von Variation zu Variation. Es wird still, der Klang des großen Steinways erfüllt den Raum, Musik umfängt die Zuhörer, sie kommen zu sich. Ganz da, vom ersten Ton an, ist Michael Frohnmeyer. Der musikalische Leiter der Nachtstücke, die mit den Goldbergvariationen von Johan Sebastian Bach enden, benötigt keine Zeit, er gibt sich der Musik vom ersten Ton an hin, unbeeindruckt von der Unruhe im Saal. Sein Spiel ist direkt und kraftvoll, variantenreich. Er kontrastiert stark, gönnt sich und den Zuhörern manchmal eine kleine, dramatische Pause, wuchtet die Akkorde der temporeichen Variationen in die Stille, erweckt den ersterbenden Musikfluss zu neuem Leben, treibt das Tempo voran. Manchmal bindet er die Variationen so dicht aneinander an, dass sie verschmelzen. Die langsamen Variationen gelingen mit großer Kantabilität, die neun Kanones differenziert. Es gelingt Frohnmeyer, Spannung zu halten, den Fluss der Musik zu intensivieren. Bachs Goldberg-Variationen, veröffentlicht 1741, sind 32 Stücke für Cembalo und später Klavier, ursprünglich verstanden als Übung und mit ihrem planvollen, streng strukturierten Aufbau der Höhepunkt barocker Variationskunst. Den Zusammenhang, also das zu variierende Thema, bietet eine Basslinie, die von der Aria am Anfang ausgehend mehr oder minder deutlich alle 30 Variationen verbindet und im Da Capo der Anfangsarie zum Abschluss kommt. In ihrer schlichten harmonischen Gliederung sind es Stücke von großer Klarheit und Schönheit, jedes für sich ein kleines Meisterwerk. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr sind die Zuhörer umfangen von einer scheinbar unendlichen, nicht enden sollenden Musik, eingehüllt in reinem Klang. Die Ahnen auf den Bildern im Saal treten zurück, verblassen im Dämmergrau des schwindenden Lichts, ein Hauch von Nachtstück, das das Draußen draußen lässt und drinnen alles erfüllt. Nur Musik. Die erfährt ein letztes, humorvolles Durchdringen der Stille, wenn Bach in beinahe mozart'schem Schalk zwei im Hause Bach häufiger gesungene Volkslieder aufnimmt, zum Leidwesen aller Vegetarier im Ahnensaal. "Kraut und Rüben haben mich vertrieben, hätt' meine Mutter Fleisch gekocht, so wär' ich bei ihr geblieben" und die Anbandelhymne "Ich bin so lang net bei dir g'west, ruck ruck, mein Mädel ruck." Frohnmeyer spielt vor allem das Fleischesser-Thema volkstümlich, leicht derb, bevor mit der feinen und gefühlvollen Wiederaufnahme der Aria vom Beginn der Goldberg-Variationen die Musik verklingt. Bravo-Rufe, langer Applaus, keine Zugabe. Fast 85 Minuten hat Frohnmeyer gespielt, ohne Noten am extra für diesen Abend heran geschafften großen Steinway-Flügel, dessen Volumen Frohnmeyers kraftvolles Spiel ermöglicht. Eine geistige wie körperliche Leistung, die kein Mehr zulässt. Bachs perfektes, mathematisch präzises Stück bleibt singulär, einziges Stück an diesem Abend. Draußen ist es noch immer hell, leider, bei diesem bemerkenswerten Finale der Nachtstücke 2014.

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