Mit dem Spülschwamm auf der E-Gitarre

Zugegeben, viel ungünstiger kann ein Konzerttermin nicht liegen: Champions-League-Halbfinale in München, Ribery gegen Ronaldo, Millionen vor den Fernsehern. So verloren sich zum Nachtstücke-Auftakt letztlich weniger Besucher in das Haus der Kultur als in der Allianz-Arena Spieler auf dem Rasen standen.

Spülverderber? Tom Pauwels verleiht dem Spülschwamm an der E-Gitarre eine neue Bestimmung. Foto Ha Doch auch an einem fußballfreien Abend wäre die Zahl der Gäste wohl überschaubar gewesen - wie immer, wenn die Nachtstücke zu zeitgenössischer Musik bitten. Doch es ehrt den musikalischen Leiter der Konzertserie, Michael Frohnmeyer, dass er sich nicht abbringen lässt von seinem Kurs; dass er Raum schafft für Programme, die in der Region in jeder Hinsicht einzigartig sind; dass er eine Formation wie die "Elastic Band" auf die Bühne holt. Schon das Instrumentarium verspricht einen interessanten Abend: Tom Pauwels' E-Gitarre trifft auf Eva Reiters Gamben. Und dazu die Paetzold-Kontrabassflöte, der eigentlich Star des Abends. Gleich zu Beginn zeigt Eva Reiter mit Fausto Rmitellis (1963 - 2004) "Seascape", was in der Flöte steckt: ein Hauch von Didgeridoo, ein Hauch von Panflöte, dazu jede Menge Luft - hörbar eingesogen und ausgeatmet. Es rauscht und pfeift, es rattert und klappert. Ein verheißungsvoller Auftakt, dem der Rest des rund einstündigen Programms leider nicht ganz folgen kann - obwohl es interessant bleibt. Zweifellos. Denn bald schon wird die "Elastic Band" zum Trio. Neben Reiter und Pauwels auf der Bühne mischt Christina Bauer am Tontechniktisch kräftig mit. Unter anderem spielt sie Bandaufnahmen ein - wie bei Stefan Beyers "Most of my clients come back", in dem sich der 1981 geborene Komponist mit dem Begriff "Begleitung" auf zwei unterschiedlichen Ebenen auseinandersetzt: in der Orchestermusik und der Prostitution. Auf dem Programm stehen auch zwei Kompositionen von Eva Reiter: Heidelberger Druckmaschinen bestimmen dabei den rhythmischen Verlauf von "Dr. Best" für Viola da Gamba und Tape; Versuche des Aus- und Aufbruchs dominieren "Tourette" für Kontrabassflöte und Tape. Wer die Hintergründe zu den Stücken nicht kennt, trifft ein wenig verloren auf die Klanggebilde, die sich fern jeglicher Melodik bewegen. Der dichten Atmosphäre zum Trotz: die Künstler sollten die kurzen Umbaupausen nutzen, um die Besucher ein wenig vorzubereiten auf das, was kommt. So verpufft viel Wirkung. Während sich der Zuhörer bei Beyers "Most of my clients come back" durchaus die Frage stellt, wie denn auf Pauwels E-Gitarren-Notenblatt die Verwendung eines Spülschwamms vermerkt ist, ist er spätestens bei Matthews Shlomowitz' "Letter Pieces" wieder voll bei der Sache. Denn der 1975 geborene Komponist lässt aus den Musikern Performer werden: Reiter und Pauwels drehen den Kopf, gestikulieren, wenden sich ab. Schräg? Absurd? Oder Kunst? Auf jeden Fall außergewöhnlich.

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