Kraft und Eleganz

Von Aljoscha Leonhardt

Der Kontrast geht unter die Haut. Wo eben noch tänzelnde Achtel, anmutige, aber ungefährliche Melodien und ein Aufbau, der eindeutiger, einfacher und einnehmender nicht sein könnte, den Hörer umgarnten, waltet nun notdürftig geordnetes Chaos. Regelmäßige Tempi und unmittelbar fassbare Satzstrukturen sucht man vergeblich, an die Stelle seidigen Wohlklangs treten raue, rabiate Staccato-Attacken und die Harmonik, die dem Einstieg zu seiner berechenbaren Schönheit verhalf, schimmert nurmehr phasenweise durch.Doch selbst dieser dramaturgische Geniestreich, dieser krasse Gegensatz zwischen dem unbeschwerten, heiteren Streichquartett Joseph Haydns und Béla Bartóks eindrücklichem, grimmigem Opus, der effektiver kaum sein könnte, ist nur ein kosmetisches Detail, das ein durch und durch großartiges Konzert geschickt unterstützt. Dem in Stuttgart ansässigen Vogler Quartett gelingt damit ein Abend, der mit überlegter Programmgestaltung und selten erlebter Spiel- und Klangkultur brilliert und dem «Nachtstücke»-Festival in Zangberg einen krönenden Abschluss beschert.

Wenige musikalische Gattungen verdanken ihre heutige Form so sehr einem einzelnen Komponisten wie das Streichquartett. Die Werke Joseph Haydns definierten Besetzung und Form, und sind heute - ihrer klassizistischen Schlichtheit zum Trotz - noch so lebendig wie vor weit über zweihundert Jahren. In den Händen der vier Musiker um Primarius Tim Vogler wirkt das Quartett in Es-Dur, Opus 64, herrlich locker und unverkrampft, in den heiteren und hektischen Passagen so frisch wie federleicht, und in den introvertierten Momenten lyrisch, intensiv, klangstark. Einzig die erste Violine scheint hin und wieder etwas schwachbrünstig - was insofern erstaunt, als dass von dieser Zurückhaltung bei Bartók und Grieg jede Spur fehlt. Das musikalische Feingefühl und die routinierte, absolut stilsichere Interpretation der Musiker beeindruckt nachhaltig: Hier wird nichts ironisiert, verniedlicht oder unnötig überspitzt und niemand versteckt sich hinter dem Schild moderner, sorgfältig gewahrter Distanz. Das Ergebnis ist ein Haydn, der jedwede Patina abschüttelt, auf Ballast verzichtet und nicht trotz, sondern ob seiner wohltuenden Simplizität überzeugt.

Der Sprung zu der Klangästhetik, die Béla Bartóks zweites Streichquartett antreibt, ist zweifelsohne einer ins kalte Wasser. Schon im einleitenden, noch lose der Sonatenform folgenden «Moderato» überlagern sich, Schicht für Schicht, bedrohliche Akkorde und Motive, Reibungen entstehen und statt sich in harmonischem Wohlgefallen aufzulösen, mündet die Entwicklung in einer schmerzhaften Unisono-Eruption. Das Vogler Quartett lässt die distinguierte Klanggestaltung des Einstiegs links liegen und geht an die Grenzen: Irre Staccato-Eruptionen fegen über das Publikum hinweg, Bogenhaare fliegen - und dennoch verlieren die vier Musiker nie die Kontrolle über ihr Tun. Jeder Ausbruch ist bewusst gesetzt und gestaltet, keine dynamische Entscheidung zufällig. Das immense Maß an Koordination und blindem gegenseitigen Verständnis, das hier zutage tritt, erlaubt dem Quartett, die brutalen, stotternden Temposchwankungen des «Allegro molto capriccioso» minutiös durchzugestalten, und inmitten des Hässlichen ungeahnte Schönheit zu entdecken. Dabei bleibt der Blick der vier Musiker stets absolut klar, analytisch und präzise, ohne der Musik ihre ursprüngliche, natürliche Macht zu rauben oder in unangemessenes, geistloses Ästhetisieren abzugleiten. Dieser Bartók ist eine Meisterleistung, die jeden Zweifel an der Klasse des Quartetts im Keim erstickt.

Dass Edvard Griegs Streichquartett in g-Moll, Opus 27, und dessen intensive, hochromantische Tragik im Anschluss beinahe erholsam erscheinen, spricht Bände. Stephan Forck leistet am Cello spektakuläre Melodiearbeit, holt das Maximum aus den Soli des ersten Satzes heraus und entfaltet im «Allegro agitato» des dritten Abschnitts rohe, gnadenlose Klanggewalt. Scheinbar naive, schwelgerische Themen erstrahlen mit derselben Klarheit, mit der das Quartett auch die düsteren Motive des Finales und wilde, rhythmisch komplexe Pizzicato-Eskapaden beleuchtet. Getragen von unbändiger Lust an der Diskrepanz inszenieren die Musiker den Wechsel zwischen orchestralen, raumfüllenden Augenblicken und den zarten, zerbrechlichen Intimitäten, die dazwischenliegen; und es ist diese überlegte Zügellosigkeit, diese kontrollierte, vollkommene Verquickung von Kraft und Eleganz, die das Vogler Quartett und seine Klanggestaltung einzigartig macht. Die Zugabe, das trickreiche, schmissige «Allegro giocoso alla Slovaca» aus einem Streichquartett des zumeist schmählich missachteten Erwin Schulhoff, zieht da einen kurzweiligen Schlussstrich - der tosende, hingerissene Applaus des Publikums wäre dem Quartett aber in keinem Fall verwehrt geblieben.

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