Zeit und Stille

Was verwandelt Klang in Musik?
Was verleiht Klängen ihre Plastizität?
Was läßt sie in der Musik zu einem Relief werden?
Welche Entsprechungen, Erweiterungen finden wir im Klang?
Was offenbart sich in ihm?
Wo ist seine Grenze?
Was ist Stille, von der man sagt, sie sei die Grundlage von Musik?
Unbeweglichkeit ?
Warum werden wir regungslos, manchmal bis zur Erstarrung, wenn uns Musik berührt ?
Welche Macht hat die Stille über uns?
Warum bringt sie uns zum Schweigen ?
Was verbirgt diese Mauer des Schweigens ?

Paradoxerweise haben wir in Momenten höchsten, erfüllten Hörens den Eindruck zu erstarren, wehrlos von etwas Ungreifbaren gebannt werden, gewissermaßen hilflos zu vereisen, und doch werden wir gerade in diesen Augenblicken von dem Gefühl heimgesucht, zu eigentlichem Leben wiederzuerwachen, realer, stärker und in einem tieferen Sinne dazusein. Wir erleben plötzlich Zeit ohne Zeitmangel. Keine messbare Zeit, zumal man sich in einem solch herausgehobenen Augenblick kaum bemüßigt fühlen dürfte, einen Blick auf eine Uhr zu werfen.

Im Gegenteil, Uhren, besonders Sanduhren, führen einem nur den unwiederbringlichen Verlust von Zeit vor Augen: ein unbestimmbares - weil unaufhaltsam verrinnendes - also nur mögliches Quantum an noch bleibender Zeit, das sich zu restlos verlorener Zeit anhäuft. Dieser ungreifbare Prozess des Vergehens wird im Versuch, der Zeit zu entkommen, noch beschleunigt. Der Zeitflüchtling verstrickt sich notwendigerweise noch « länger » und qualvoller mit der Weile, der er sich zu entwinden versucht - dem Musikabend, oder dem Warten auf den ewig verspäteten Zug. Sofern er also nicht allein um der Musik willen den Abend im Konzertsaal verbringt, muss er damit rechnen, im Verlauf der Aufführung immer ungeduldiger zu werden und die Zeit ausschließlich damit zu verbringen, einem zeitgebundenen Erlösungszeichen seiner wachsenden Unruhe entgegenzufiebern, das aber grundsätzlich nur später als erwartet erscheinen kann. Die Verzweiflung des unfreiwillig Gefangenen ist umso größer, als ihn die Stille der Musik dazu verdonnert, ruhig zu bleiben und ihm alle konventionellen Bezugspunkte seines alltäglichen Benehmens konfisziert, bevor nur der erste Ton erklungen ist.

Dabei kann keine Uhr, keine noch so utopische Zeitmaschine auch nur die geringste Spur von Nicht-mehr-Gegenwart bzw. Noch-nicht-Gegenwart hervorzaubern. Im Gegenteil, ein suchender Blick auf die Uhr ist ein untrügliches Zeichen des Wegsehens von Zukunft als Vorwegnahme des Todes. Das hohle, metallische Ticken der Uhr läßt uns hoffnungslos am Wie-lange ? Wie-lange -noch ? haften, solange wir dieses Instrument stereotypen Aufzeigens homogener, annonym aneinandergereihter Jetztpunkte, immer weiter aufziehen. Die Musik in unserem fiktiven Konzertabend spielt aber da, wo keine Erwartung der Erfahrung hinreicht: weder zu schnell noch zu langsam, weder zu früh noch zu spät - in ihrer ganzen Fülle und mit einer Kraft der nichts entgegenzusetzten ist. Selbst im leisesten Pianissimo oder gar einer Pause treffen ihre Klänge unfehlbar das Gemüt eines jeden und fesseln es, egal ob freiwillig oder unfreiwillig, an das All-Jetzt.

Die Dimension solch erlebter, gehabter Zeit, sucht einen heim, sobald Klang als Musik erlebt wird, ganz so wie es auch dem zu Tränen gerührten Swann in Prousts « Suche nach der verlorenen Zeit » beim Hören der Sonate von Vinteuil im Salon von Madame de Saint-Euverte erging. Aus den Bedingungen des Zeitmangels im Umkehrschluss läßt sich folgern, daß im eigentlichen Musikhören immer auch ein Bewußtsein unseres absoluten Nicht-mehr-Seins präsent ist. Allein durch die vorgestellte Vorwegnahme eines letzten, äussersten Bewusstseinmomentes - nicht eines herausgezögerten Verweilens im « Wie-lange-noch-bis-dahin ? » - sondern im antizipierten Todesbewußtsein und nur « dort » werden wir auf unsere Einmaligkeit zurückgeworfen, die je unser eigenes Schicksal ist.

Das « Dort », zu dem kein « Dahin » je weisen kann, gibt es nicht. Nur als unser « Vorbei », in einer so gewissen wie unbestimmten Zukunft, ist es der allgegenwärtige Ort, von dem wir unsere Freiheit schöpfen und zu dem uns ein Tor zu allen Zeiten in aller Stille weit offen steht.

In Vladimir Nabokovs Spätwerk « Fahles Feuer » wird ein unvollendetes Gedicht, in dem ein Poet sein Leben autobiographisch en Revue passieren lässt, von einem geistig verwirrten Menschen posthum veröffentlicht und in offensichtlich absurdester Weise kommentiert. Quelle allerlei Rätselratens der Literaturwissenschaft ist der letzte, nicht geschriebene, tausendste Vers, in dem alle Stränge des Romans zusammenlaufen. Nabokovs fiktiver Poet, stirbt eines gewaltsamen, sinnlosen Todes, genau in dem Augenblick, wo der Erzählfaden seines letztes Opus in der von Nabokov erfundenen physischen Gegenwart einmündet. Dieser unvollendete Vers ist der leibhaftige Tod des Protagonisten, ist seine unmittelbar zu uns sprechende Jetzt-Zeit, die - bzw. der - nicht besser hätte nicht-beschrieben werden können, und was den Vers betrifft: nicht präziser hätte nicht-geschrieben werden können.

Ungleich härter - weil grundsätzlich aller potentiellen Auslegbarkeit enthoben, also immer wieder gleich direkt - trifft uns ähnliches Schicksal in Werken wie der « Symphonie Pathétique » (neun Tage nach dessen Uraufführung starb Tschaikowski). Ebenso wie uns das ersterbende Lacrimosa aus Mozarts Requiem uns in einen Zustand völliger Aufgelöstheit, unerträglicher Traurigkeit versetzt, erschüttert uns Bachs unvermitteltelt abbrechende letzte Fuge über das Thema BACH, bei der die Stille mit aller Brutalität durch das Werk durchbricht und musikalisches Zeit-Raum-Kontinuum in aller Unerbittlichkeit blitzartig für sich einfordert. Was könnte wirklicher sein ?

Von Franz Schuberts letzten Augenblicken seines Klarbewußtseins wird uns in einem Brief seines Bruders Ferdinand vom 21. November 1828 an den Vater berichtet. Wenige Stunden vor seinem Tode bat Schubert seinen Bruder: « Ich beschwöre dich, mich in mein Zimmer zu schaffen, nicht da in diesem Winkel unter der Erde zu lassen, verdiene ich denn keinen Platz über der Erde ? » Ferdinand antwortete : « Lieber Franz, sei ruhig, glaube doch deinem Bruder Ferdinand, dem du immer geglaubt hast und der dich so sehr liebt. Du bist in dem Zimmer, in dem du bisher immer warst und liegst in deinem Bette. » Und Franz sagte :

« Nein, es ist nicht wahr, hier liegt Beethoven nicht.»

Michael Frohnmeyer

Nachtstücke